17. Juli 2004
Selbstversuch mit geringem Effekt

Super Size Me


Super Size Me Was passiert, wenn man einem Kasten Bier am Stück trinkt? Wird man vielleicht betrunken? Und was passiert, wenn man immer nur Fast Food isst? Wird man vielleicht dick? Zwei übergewichtige Mädchen haben jedenfalls McDonald's auf Schadensersatz verklagt. Zunächst dachte auch Morgan Spurlock, dass doch wohl jeder wissen müsste, dass Fast Food ungesund sei. Doch dann habe ein Firmensprecher im Fernsehen gesagt: "Unser Essen ist gesund, wertvoll und gut für jeden."
Von da an wollte es der Dokumentarfilmer Spurlock wissen.

Unter ärztlicher Aufsicht ernährte er sich 30 Tage lang ausschließlich bei McDonald's. Die Voruntersuchung ergab brillante Fitness-Werte. Die Nachuntersuchung: Spurlock wiegt zwölf Kilogramm mehr, seine Leber ist in einem ähnlich schlechten Zustand wie die eines Alkoholikers, und seine Cholesterinwerte sind eine Katastrophe.

Morgan Spurlock nutzt seinen Selbstversuch als Mittel zum Angriff gegen McDonald's und kleinere Seitenhiebe gegen andere große Food-Konzerne wie Pizza Hut und Sodexho. In der ernsthaften Debatte um die Gesundheit, die in Amerika geführt wird, ist der Film jedoch eher Spielzeugmunition, weil er zu viele Argumentationslinien anreißt (z. B. Fast-Food-Sucht, Kindermarketing, Bewegungsfaulheit, Globalisierung), aber nur die Attacken gegen McDonald's einigermaßen konsequent durchhält.

Super Size Me Zudem ist "Super Size Me" journalistisch (und erst recht wissenschaftlich) unkorrekt. Indem Spurlock Halbwahrheiten erzählt und zu oft einseitig berichtet, verliert er nicht nur an Glaubwürdigkeit, sondern liefert oft auch gleich die Gegenargumente mit. Ein Beispiel: "Heavy Users" ist kein abwertender Begriff von McDonald's für treue (und dicke) Kunden, wie von Spurlock suggeriert, sondern ist Standard-Marketing-Vokabular.

Zu Gute halten muss man Spurlock, dass er in McDonald's nicht den Alleinschuldigen für den schlechten Gesundheitszustand vieler Amerikaner sieht. Er zeigt ja beispielsweise, dass der Schulsport zu kurz kommt. Er zeigt Schulen, die sich trotz gleicher Kosten für Fertiggerichte statt für Kochpersonal entscheiden. Hier jedoch wird jedoch auch wiederum die einseitige Kommentierung deutlich, in diesem Fall gegen die Catering-Firma Sodexho: Spurlock verschweigt, dass Sodexho nicht nur ungesundes Essen anbietet, sondern auch etwa Salate. Sodexho beliefert auch die University of California – und ich erinnere mich aus meiner Zeit dort noch genau, wo die größte Schlange war: Nicht bei der sehr ansprechenden, riesigen Salatbar – sondern an der Burgertheke! Gesund ist offensichtlich noch immer unbeliebt.

Zu faul zum Laufen

Ein methodischer Fehler ist, dass Spurlock nahezu aufhört, sich zu bewegen, als er mit der Fast-Food-Kur anfängt. Zu McDonald's laufen? Nein, per Taxi! Tatsächlich sind die meisten Amerikaner äußerst bewegungsfaul. Die Strecke, die ein Amerikaner im Durchschnitt pro Woche läuft, beträgt 2,3 Kilometer – keine 500 Meter pro Tag! Und damit sind keine Sprintaktionen gemeint, sondern sämtliche Gehstrecken: Der Weg vom Auto ins Büro, vom Büro ins Auto, durch die Shopping-Mall... Spurlock bewegte sich vor dem Experiment jedoch gut. Der Nachweis einer Kausalbeziehung zwischen der Gewichtszunahme und Fast-Food ist allein durch diese Änderung misslungen.

Super Size Me Auch McDonald's hatte schon früher versucht, gesündere Nahrung zu verkaufen. 1987 war es ein gesundes Muffin, in den 90ern ein cholesterinfreier Burger mit geringem Fettanteil (McLean Deluxe). Beide Versuche scheiterten – aus zwei Gründen: Erstens: Die Halbherzigkeit von McDonald's (die Produkte schmeckten nicht sehr gut). Zweitens: Im Gegensatz zu heute hatte Fettleibigkeit damals noch nicht den Rang einer Epidemie und die Verbraucher noch nicht das Problembewusstsein.

Als die New York Times 2002 Food-Experten fragte, wie das zu der Zeit kriselnde Unternehmen McDonald’s saniert werden könnte, kamen die unterschiedlichsten Vorschläge. Kein einziger aber riet dazu, gesündere Produkte anzubieten.

Neue Trends im Food-Markt: Gesundheit nach vorn!

Inzwischen ist der Food-Markt in einem Umbruch. Zwei Trends heißen dabei: Convenience (Essen ohne viel Aufwand – ein Kriterium, das bei Fast Food erfüllt ist) und Wellness (genussvoll und gesund). McDonald's hat gesündere Produkte eingeführt: Apfelscheiben, Milch, Salat. Das erfolgreiche Salatangebot soll ausgebaut werden. Im Test ist etwa ein Salat mit Früchten und Nüssen. Die McDonald's-Salate haben zwar noch immer relativ viel Fett und Kalorien, jedoch erheblich weniger als die Standard-Produkte.

Morgen Spurlock hingegen stellt die Zuschauer dennoch vor die Wahl: "Wer soll gehen – ihr oder die?" Mit "die" ist McDonald's gemeint, und die Antwort wird in Form eines gemalten Grabsteins mit der Inschrift "McDonald's" gleich mitgegeben.

Super Size Me Dies ist eine weitere Schwäche des Films. Es geht nicht um "ihr oder die". Es ist fehl am Platz, die großen Konzerne in einem Anflug von Globalisierungshass auch in diesem Film anzugreifen wie Spurlocks Vorbild Michael Moore es in "The Big One" tut. Eine gesündere Ernährung lässt sich nicht ohne die mächtigen Food-Giganten erreichen, sondern nur in einer Kooperation. Und obwohl bei McDonald's relativ gesunde Gerichte erhältlich sind, liegt das Problem noch immer woanders: Die Kunden müssen etwas anderes essen wollen als Fast Food – dann ändert sich auch das Angebot. Oder im Motto von McDonald's ausgedrückt: "Look after the customer – and the business will take care of itself."

Geringes Abschreckungspotenzial

Welchen Beitrag zur Änderung der Essgewohnheiten leistet "Super Size Me"? Das Problembewusstsein ist durch die Beliebtheit des Films, der schon jetzt eine der fünf erfolgreichsten amerikanischen Dokumentationen aller Zeiten ist, sicher (weiter) gestiegen. Andererseits werden auch Mittel zur Massentauglichkeit verwendet, zum Beispiel Komik und eine Jackass-Tonalität, die Potenzial zur Verharmlosung in sich tragen.

McDonald's hat inzwischen die Super-Size-Limonaden und -Pommes aus dem Programm gestrichen – wohl nicht zuletzt deshalb, um "Super Size Me" vorab den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Kunden lassen sich dagegen offenbar vom "Super-Size"-Film nicht zur gesünderen Ernährung bewegen. Wenn McDonald's zurzeit einen Blick auf die Kundenwünsche wirft, stehen dort zwar 150 Millionen verkaufte Salate 2003. Das zurzeit angesagteste Produkt ist jedoch das neue "McGriddle Frühstücks-Sandwich" – eine fettige Kalorienbombe.  

Tobias Vetter / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle der Fotos: US-Filmhomepage

 
Filmdaten 
 
Super Size Me (Super Size Me) 
 
USA 2004
Regie: Morgan Spurlock; Länge: 96 Minuten; ein Film im Verleih von Prokino



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Literaturtipps:
McDonald's: Fries With That Salad?
(Business Week, 05.07.04)
The Arches Are Sagging. What Would the Doctors do?
(New York Times, 28.10.02)
Bill Bryson: A Walk in The Woods
(New York 1998, pp. 128f)


Zitat

"Ich bin eine Hure, alle Schauspieler sind Huren. Wir verkaufen unsere Körper an den Meistbietenden."

("I'm a whore, all actors are whores. We sell our bodies to the highest bidder.")

William Holden

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