17.12.2017

Summer Wars

Zwei Welten treffen in "Summer Wars" aufeinander: die virtuelle Internet-Community Oz und die reale Welt. Der Anime von Mamoru Hosoda stellt eine nahe Zukunft vor, in der die Kommunikation und Geschäftsabwicklung via Internet zum absoluten Standard geworden ist. Als User wählt man einen Avatar, mit dem man sich im Cyberspace frei bewegen kann, um allen erdenklichen Beschäftigungen nachzugehen. Der 17-jährige Schüler Kenji, ein Mathe-Genie, verdient in den Sommerferien etwas Geld, indem er das System von Oz wartet. Doch dann bietet ihm die schöne Natsuki, die auf Kenji großen Eindruck macht, einen viel spannenderen Job an: Kenji soll sie zu einem Familientreffen auf dem Land begleiten. Kaum angekommen fällt der schüchterne Junge aus allen Wolken, als Natsuki ihn ohne vorherige Absprache als ihren Verlobten vorstellt. Es dauert jedoch nicht lange, bis sich ein neues Problem einstellt: In der Vermutung es sei nur ein Spiel, knackt Kenji über Nacht einen Zahlencode, der ihm als Textnachricht aufs Handy zugesandt worden ist. Schon am nächsten Tag macht sich in der virtuellen Parallelwelt Oz Chaos breit. Ein mysteriöser Avatar namens Love Machine konnte ins System eindringen und stiftet dort Unruhe – der von Kenji entschlüsselte Code war das höchste Sicherheitspasswort von Oz.

Waren es in "Das Mädchen, das durch die Zeit sprang", Hosodas letztem Anime, noch unterschiedliche Zeitebenen, die in enger Wechselwirkung zueinander standen, sind es in "Summer Wars" zwei räumliche Ebenen, die nicht minder aufeinander einwirken. Das Durcheinander in der Internet-Community, die in ihren Grundzügen an das Second Life-Projekt erinnert, schlägt sich alsbald in der realen Welt nieder: Verkehrsstaus wegen konfuser Ampelschaltungen und etliche Notrufe ohne Urheber markieren den Anfang. Heikel wird es, als Love Machine die Kontrolle über einen Satelliten erlangt, den er mitten über dem japanischen Festland zum Absturz bringen will.

Dass die Internet-Community ausgerechnet Oz heißt, ist weit mehr als eine Referenz an Frank L. Baums Kinderbuch "Der Zauberer von Oz" und die klassische Verfilmung von Victor Fleming (USA 1939). Viele der Motive aus Dorothys Abenteuern finden sich in transformierter Form auch in "Summer Wars". Zunächst ist da der Zusammenhalt der Familie: "There's no place like home" lautet das Fazit, das Dorothy am Ende ihrer Heldenreise zieht und genauso könnte es, nach anfänglichen Zankereien, auch am Ende von Hosodas Film stehen. Denn auch hier kann der Bedrohung nur gemeinsam Einhalt geboten werden; unter der Führung der charismatischen Großmutter leistet jedes Mitglied der Familie einen Beitrag im Rahmen seiner Möglichkeiten. Außerdem besitzen die meisten der Figuren einen Avatar in Oz, was sich ebenfalls als Reminiszenz an "Der Zauberer von Oz" einordnen lässt, denn auch im Land hinter dem Regenbogen agieren die Verwandten Dorothys in anderer Gestalt.

Daneben findet sich auch in der ästhetischen Gestaltung eine Parallele zu "Der Zauberer von Oz". Indem die anfänglichen Sepiatöne der Fleming-Verfilmung mit Dorothys Eintritt in die Parallelwelt in pralle Technicolor-Farben wechseln, findet eine stilistische Trennung der beiden Welten statt. Eine solche findet auch in "Summer Wars" statt. Die in typischer Anime-Weise grelle und überdrehte Ästhetik erfährt im virtuellen Raum von Oz eine merkliche Steigerung: Während die Hintergründe in der realen Welt meist statisch bleiben und den Gesetzen der Physik unterliegen, inszeniert Mamoru Hosoda die Internet-Welt als flirrenden Ort, an dem unzählige Avatare durcheinander fliegen und es an allen Ecken glitzert und funkelt. In diesem hektischen Gewimmel bewegen sich so viele unterschiedliche, individuell designte Avatare, dass der/die Betrachter/in unmöglich alle Details erfassen kann. Die Bilder von Oz können daher auch ganz direkt als Metapher auf das wirkliche Internet verstanden werden, über dessen stets wachsende Möglichkeiten wohl auch niemand mehr den völligen Überblick hat.

Das Internet ist das zweite große Thema von "Summer Wars", der verschiedene Positionen zur virtuellen Vernetzung der Welt bezieht. Kritik übt die Großmutter, wenn sie sagt, es sei wieder an der Zeit für "richtige" Kommunikation. Ein gewisser Respekt vor der unkontrollierbaren Macht des Internet ist der Story schon allein dadurch eingeschrieben, dass Love Machine die reale Welt vom virtuellen Raum aus ins Chaos stürzt. Ein Internet-kritischer Film ist "Summer Wars" aber keineswegs: Die Begeisterung für das Netz und dessen Angebote ist Hosodas Werk deutlich anzusehen. Vor allem beim Finale ergreift das Drehbuch Partei für die Möglichkeiten, die das World Wide Web bietet. Obgleich in der realen Welt räumlich getrennt, können Menschen aller Erdteile in Oz gemeinsam an einem Strang ziehen, um das Schlimmste zu verhindern. Das Internet, von dem die Bedrohung ausgeht, ermöglicht gleichzeitig auch die Verhinderung der Katastrophe.

Seinen größten Reiz bezieht "Summer Wars" aus der ästhetischen Gestaltung, die trotz ihrer visuellen Wucht nicht selbstzweckhaft bleibt. Es gelingt Hosoda, die beiden Parallelwelten sowie die unterschiedlichen Aspekte der Story zu einem stimmigen Ganzen zu verbinden. So erscheint "Summer Wars" als modernes, absolut zeitgemäßes Märchen, das seinen Bezug zur Realität nie verliert – wenngleich es dieselbe in der Art und Weise japanischer Zeichentrickfilme stetig überzeichnet.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Summer Wars
(Samâ uôzu)

Japan 2009
Regie: Mamoru Hosoda;
Drehbuch: Satoko Okudera nach der Story von Mamoru Hosoda; Kamera: Yukihiro Masumoto; Musik: Akihiko Matsumoto; Schnitt: Shigeru Nishiyama;

Länge: 114 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 12. August 2010



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"Der Arzt sagte zu mir, ich hätte eine doppelte Persönlichkeit, dann gab er mir eine 82-Dollar-Rechnung. So gab ich ihm 41 Dollar und sagte 'Nimm die anderen 41 Dollar vom anderen Typen.'"

("The doc told me I had a dual personality, then he lays an $82 bill on me. So I give him forty-one bucks and say 'Get the other forty-one bucks from the other guy.'")

Jerry Lewis (1926 - 2017)

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