10.02.2017

Stationspiraten

Während "Das Leben gehört uns", "Halt auf freier Strecke" oder "50/50" die Krankheit Krebs im Kino zuletzt für ein erwachsenes Publikum thematisierten, verpackt der Schweizer Mike Schaerer die heikle Thematik in ein Coming-of-Age-Drama für Jugendliche. In seinem ambitionierten Erstlingswerk "Stationspiraten" werden die vier Teenager Benji (Vincent Furrer), Kevin (Scherwin Amini), Michi (Max Hubacher) und Sascha (Nicolas Hugentobler) auf einer Krebsstation zu Freunden.

Abgesehen vom Oberarzt Dr. Reichlin (Stefan Kurt), einer fürsorglichen Krankenschwester und Kurzauftritten der Eltern spielen Erwachsene keine große Rolle. Dennoch schont Mike Schaerer das angepeilte junge Publikum nicht mit der Darstellung der schweren Krankheit: Die kahl geschorenen Jungs übergeben sich oder spucken Blut, müssen mit Beinprothesen neu laufen lernen und verzweifeln an der Aussicht auf einen tödlichen Verlauf der Krankheit. In solch existenziellen Momenten kommt es oft zu Streit – und Selbstmordgedanken.

Ein Gegengewicht zur Krebs-Darstellung bilden die Szenen, in denen das Leiden der Teenager vorübergehend in den Hintergrund tritt: Ein ausgelassenes Rollstuhl-Rennen, eine Nacht mit Bier und Zigaretten oder ein Erinnerungsfoto mit dem Kernspintomographen – bisweilen verbreitet "Stationspiraten" die gute Laune eines harmlosen Jugendfilms, wo auch kleine Verliebtheiten oder die Sorge, als Jungfrau zu sterben, von Relevanz sind. Dass die tragikomische Mischung funktioniert, liegt insbesondere an den vier Hauptdarstellern (darunter Max Hubacher aus "Der Verdingbub"), die ihre Rollen sympathisch verkörpern. Und durch die Reibung zwischen Komik und Tragik wirken beide Extreme im Kontrast umso stärker.

Bei der Inszenierung des schwierigen Stoffs geht Mike Schaerer auf Nummer sicher und orientiert sich an den Standards von der Filmhochschule, weswegen die formale Gestaltung an einen Fernsehfilm gemahnt. Mit viel Musik setzt der Regisseur gefühlvolle Spitzen, die beim Publikum ganz unwillkürlich emotionale Anteilnahme hervorrufen und die Hoffnung auf Besserung als Thema etablieren. Wie sich die Kinder gegenseitig Hilfestellungen geben und Lebensmut zusprechen, markiert den erzählerischen Kern des Dramas, das in ein zwar offenes, doch optimistisch gestimmtes Finale mündet.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Stationspiraten


Titel für den englischsprachigen Markt: Bold Heroes

Schweiz 2010
Regie: Mike Schaerer;
Darsteller: Scherwin Amini (Kevin), Vincent Furrer (Benji), Max Hubacher (Michi), Nicolas Hugentobler (Sascha), Stefan Kurt (Dr. Reichlin), Elia Robert (Jonas), Bettina Stucky (Pflegerin Marion), Antoine Monot Jr. (Robbi), Jill Gioia Mühlemann (Laura), Lea Whitcher Braendle (Pflegerin Liz), Carla Juri (Michis Cousine) u.a.;
Drehbuch: Albert Espinosa, Jürgen Ladenburger, Antonio Mercero, Ignacio del Moral; Produzenten: Lukas Hobi, Reto Schärli; Kamera: Stéphane Kuthy; Musik: Moritz Schneider; Schnitt: Florian Drechsler;

Länge: 90 Minuten; Kinostart: 17. Januar 2013



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Zitat

"Robby Müller hat das Handwerk und die Kunst der Kameraführung und des Lichtsetzens erneuert und vorangetrieben. Er konnte wie kaum ein anderer in seinen Bildern Stimmungen erfassen und Zustände beschreiben, die mehr über Charaktere erzählten als Dialoge und dramaturgische Strukturen. Er wusste, wie man für eine Geschichte und einen Film ein ganz eigenes Klima erzeugt, in dem seine Figuren im wahrsten Sinne des Wortes 'gut aufgehoben' waren. Für eine Handvoll Filmemacher war er der wichtigste Wegbegleiter."

Regisseur Wim Wenders zum Tode des Kameramanns Robby Müller (04.04.1940 - 03.07.2018)

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