19.03.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Generation 14plus

Starless Dreams


"Dieser Ort ist voller Schmerz", sagt eine der Insassinnen der iranischen Jugendstrafanstalt, die Mehrdad Oskouei in seinem packenden Dokumentarfilm besucht. In schnörkellosen Bildern zeigt der Regisseur den Alltag der Mädchen zwischen Unterdrückung, Haft und Kriminalität. Die Hoffnung auf ein Leben ohne Gewalt und Drogen haben viele von ihnen noch nicht aufgegeben. Doch ihre Familien haben keinen Platz für sie, genauso wenig wie das System.

Starless DreamsDie zitierten Worte einer wegen Mordes Verurteilten reflektieren sowohl den Zustand innerhalb der Gefängnismauern, als auch den innerhalb des Staats. Wenn die Mädchen entlassen werden, ist es, als kämen sie nur in ein größeres Gefängnis, in dem sie Brutalität und Unterdrückung schutzlos ausgeliefert sind. Alle hätten sie die gleiche Geschichte, sagt eine von ihnen. Eine bittere Erkenntnis, welche die Berichte ihrer Mitinsassinnen bestätigen. Die erschütternden Auslöser für ihre Kriminalität unterscheiden sich kaum: Missbrauch, Misshandlungen durch meist männliche Verwandte, Zwangsverheiratung, Drogensucht in der Familie. Das Heim wird zur Keimzelle des Verbrechens, das vor allem die weiblichen Familienmitglieder trifft. Sie haben keine Rechte und keine Chance, dem Teufelskreis der Gewalt zu entgehen. Die meisten hängen trotz allem an ihren Familien und geben sich selbst die Schuld, weil sie "kein gutes Mädchen" waren. Eine staatliche Institution oder NGO, die den jungen Frauen beisteht, scheint es nicht zu geben. Stattdessen predigt ein Mullah beim Gottesdienst in der Strafanstalt, es sei ihre Pflicht, Ruhe und Ordnung in der Gesellschaft zu wahren. Für die Protagonistinnen heißt das, im Stillen ihr Schicksal zu ertragen. Die Alternative zu diesem qualvollen Leben ist der Tod, den viele der Verurteilten sogar herbeiwünschen.

Starless Dreams Trotz der niederschmetternden Umstände gibt es in Oskoueis herausragender Dokumentation auch Augenblicke voll Humor und Wärme. Auch wenn sie Kriminelle sein mögen, an erster Stelle sind die Mädchen junge Menschen, die miteinander lachen, sich trösten und Mut zusprechen. Sie drehen die Musik in der großen Gemeinschaftszelle auf und singen Pop-Songs mit. Manchmal scheint es fast, als sei das Leben hier drinnen erträglicher als draußen. Man hat ein Dach über dem Kopf, Essen, keine Drogen, keine aggressiven Verwandten. Der Zusammenhalt gibt den jungen Frauen Kraft. Aber die Ketten, die laut der Delinquentinnen daheim auf sie warten, kann ihre Gemeinschaft nicht sprengen. "Die Gesellschaft ist stärker als ich", sagt eine der Insassinnen, die sich Nobody nennt. Es ist ihre Stimme und die der anderen Häftlinge, die dem Film sein emotionales Gewicht verleihen. Oskouei reduziert die dramaturgischen Elemente auf ein Minimum, was sie umso wirkungsvoller macht. Wenn die Kamera über den verschneiten Hof streift oder unterschiedliche Reaktionen zu Neujahr beobachtet, hört man in Gedanken die pragmatischen Selbsteinschätzungen der Mädchen: entweder sie landen wieder auf der Straße und bei den Drogen oder vor Gericht.

Wie viele Jahre es dann gibt oder ob die Todesstrafe wartet, weiß niemand. So sind die Momente, die man mit den Protagonistinnen verbringt, umso kostbarer. Sieben Jahre dauerte es, bis Oskouei überhaupt die Dreherlaubnis bekam. Sein bewegendes Werk beweist, das Warten hat sich gelohnt.  

Lida Bach / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Berlinale

 
Filmdaten 
 
Starless Dreams (Royahaye Dame Sobh) 
 
Iran 2016
Regie, Drehbuch & Produzent: Mehrdad Oskouei;
Kamera: Mohammad Hadadi; Musik: Afshin Azizi; Schnitt: Amir Adibparvar;

Länge: 76 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Der Film im Katalog der Berlinale
<19.03.2016>


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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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