12.02.2017

Stadt Land Fluss

"Stadt Land Fluss" ist ein kleiner deutscher Film, der vornehmlich mit Bildern erzählt und seinen größten Reiz aus der gelungenen Verknüpfung dokumentarischer und fiktionaler Aufnahmen bezieht. Langfilmdebütant Benjamin Cantu lässt seine beiden Protagonisten auf einem Landwirtschaftsbetrieb im brandenburgischen Jänickendorf aufeinander treffen: Der orientierungslose Jacob (Kai-Michael Müller) tritt dort nach einer abgebrochenen Ausbildung zum Bankangestellten ein Praktikum an, während der in sich zurückgezogene Marko (Lukas Steltner) eine Lehre zum Landwirt bestreitet.

Anfänglich merkt man es kaum, doch zwischen Jacob und Marko entwickelt sich eine zaghafte, auf wackligen Beinen stehende Romanze. Beide sind mit ihrer sexuellen Orientierung noch nicht im Reinen – ob die Jugendlichen ihre Homosexualität gerade erst erkennen oder sich schon länger darüber bewusst sind, bleibt zwar unklar; dass beide jedoch das eigene Eingeständnis und die Reaktionen Außenstehender fürchten, markiert die dramaturgische Triebfeder der Liebesgeschichte. Auf allzu eindeutige Zuspitzungen verzichtet Benjamin Cantu jedoch. Vieles bleibt in der Schwebe und findet quasi zwischen den Schnitten statt, etwa wenn die beiden Jungs kurze, zunächst verstohlene und später sprechende Blicke tauschen oder Cantu das Liebesdrama in halb kitschigen, halb poetischen Szenen verdichtet, die von einer melancholisch-schönen Klaviermusik getragen sind.

Ein konstitutives Wesensmerkmal von "Stadt Land Fluss" ist, dass der Film während der Erntesaison in einem realen Landwirtschaftsbetrieb gedreht wurde. Die Mitarbeiter und Auszubildenden der Agrargenossenschaft, die Kameramann Alexander Gheorghiu bei ihren tatsächlichen Arbeitsabläufen mit einer Handkamera filmt, bevölkern das Drama als Laiendarsteller. Dieser dokumentarische Charakter steht mit dem inszenierten Teil der Geschichte in einer unaufdringlichen Wechselwirkung und findet unter anderem in den Improvisationen der Darsteller Niederschlag. Am besten ist "Stadt Land Fluss" immer dann, wenn Dokumentarisches und Inszeniertes in einem Bild aufeinander treffen, ganz so wie Jakob und Marco im letzten Drittel des Films. Chapeau, Herr Cantu, gerne wieder.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Stadt Land Fluss


Deutschland 2011
Regie & Drehbuch: Benjamin Cantu;
Darsteller: Lukas Steltner (Marko), Kai-Michael Müller (Jacob), Cristina do Rego, Steven Baade, Florian Born, Eric Fechner, Christian Hahn, Charlina Ingold, Jan Jendruschewitz, Felix Kaminski, Simon Kirmeier, Katharina Körner, Christian Sauermilch, Tino Trempler, Tobias Weichert, Karin Butsch u.a.;
Produzent: Björn Koll; Kamera: Alexander Gheorghiu; Musik: Keith Kenniff; Schnitt: Szilvia Ruszev;

Länge: 87,03 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; Kinostart: 19. Mai 2011



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"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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