15.11.2013
Die Satansweiber vom Spring Break

Spring Breakers


It's Spring Break, bitches! Pünktlich zu den Semesterferien strömen amerikanische College-Studenten traditionell an diverse Badeorte, um sich exzessiv die Kante zu geben. Ausgerechnet die vormaligen Disney-Sternchen Vanessa Hudgens und Selena Gomez reiten auf dieser Welle aus Drogen und Sex – unterstützt von der bisher eher harmlosen TV-Aktrice Ashley Benson und Rachel Korine, der Lebensgefährtin des Regisseurs Harmony Korine. Um sich die Reise nach Florida und die dortige Spring-Break-Party leisten zu können, rauben die vier Freundinnen kurzerhand ein Diner aus. Im "Sunshine State" lassen die Mädels dann so richtig die Sau raus, genießen ihre Freiheit zwischen Koks, Bier-Bongs und Surferboys – und landen bald vor Gericht. Die Kaution stellt der zwielichtige Gangster-Rapper "Alien" (James Franco), mit dem die Bunnies, die übrigens Faith, Candy, Brit, und Cotty heißen, in eine faszinierend glitzernde Welt aus Love and Crime abtauchen.

Harmony Korine verfasste das Drehbuch zu "Kids" (Larry Clark, USA 1995), bevor er sich mit Filmen wie "Gummo" (USA 1997) und "Trash Humpers" (USA 2009) als einer der vitalsten Independentfilmer Amerikas etablierte. Der neonfarbene Filmrausch "Spring Breakers" ist gewissermaßen sein bislang größter Film. Von manchen als sexistisch abgestempelt, von anderen eindringlich zum Kultfilm ausgerufen, ist der vielleicht größte Hype des Kinojahres vor allem ein formvollendeter Trip in die Möglichkeiten des audiovisuellen Erzählens, dem man sich schwer entziehen kann. Die Story als solche spielt hier die Nebenrolle, worauf es ankommt, sind die hochgradig ästhetisierten Bilder, die treibenden Elektro-Beats von Cliff Martinez ("Drive") und anderen, die assoziative, sprunghafte, druckvolle Montage.

Hinter der sexuell aufgeladenen, aber nie expliziten Bildgestaltung, die das Frauen-Quartett fast durchgängig – selbst vor Gericht – in Bikinis zeigt und in Zeitlupen ganz nah auf die Hintern der Freundinnen zoomt, versteckt sich dabei eine feine Satire auf den "fuckin' American dream" und moderne Bildermaschinerien. Hier sind auch die Rollenbiographien der Hauptdarstellerinnen sinnstiftend: Dieselben jungen Frauen, die eben noch die Disney-Bambis für kleine Mädchen gaben, verkörpern in "Spring Breakers" wandelnde Sexträume, denen das Bikinihöschen verrutscht und die einen Haufen böser Jungs im Pussy-Riot-Outfit umnieten. In gewisser Weise sind die Spring Breakers den "Chicks with Guns" aus Filmen wie "Faster, Pussycat! Kill! Kill!" von Russ Meyer (USA 1965) verwandt, denen ein Werbespot aus Tarantinos "Jackie Brown" (USA 1997) huldigte: "Bikinis and big booties - that's what life is about", erklärt der virtuos aufspielende James Franco. Jean-Luc Godard meint etwas ähnliches, wenn er sagt: "Um einen Film zu machen, genügen eine Waffe und ein Mädchen."

Waren die Filme von Harmony Korine bislang eher sperrig, erweist sich "Spring Breakers" als sehr eingängiger Ästhetik-Rausch, der mit der passenden Musik, seinem "Neon-Chic" und der doppelbödigen, brüchigen Erzählweise ein gutes Stück Zeitgeist transportiert. So ist der spielerische Low-Budget-Remix aus Thriller, Satire und halb ernster, halb überzeichneter Coming-of-Age-Dramatik ein wahrer Tummelplatz der Popkultur, an dem sich Hip Hop und Elektro, die Videospielgangster aus "Grand Theft Auto", Britney Spears und "Scarface" die Klinke in die Hand geben: "Just pretend it's a video game. Like you're in a fucking movie", lautet eine bezeichnende Aussage des Films, die gleichzeitig auch dessen Lesart vorgibt.  

Christian Horn / Wertung:  * * * * (4 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Spring Breakers (Spring Breakers) 
 
USA / Frankreich 2012
Regie & Drehbuch: Harmony Korine;
Darsteller: James Franco (Alien), Selena Gomez (Faith), Vanessa Hudgens (Candy), Ashley Benson (Brit), Rachel Korine (Cotty), Gucci Mane (Archie), Heather Morris (Bess), Ashley Lendzion (Forest), Emma Jane Holzer (Heather) u.a.;
Produktion: Muse Productions, O' Salvation, Division Films, Annapurna Pictures, Iconoclast, RabbitBandini Productions, Radar Pictures; Kamera: Benoît Debie; Musik: Cliff Martinez, Skrillex; Schnitt: Douglas Crise;

Länge: 93,39 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; ein Film im Verleih der Wild Bunch Germany GmbH; deutscher Kinostart: 21. März 2013



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Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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