19.12.2017

Splice - Das Genexperiment

Elsa (Sarah Polley) und Clive (Adrien Brody) arbeiten in einem Gentechniklabor, das den Namen "Nucleic Exchange Research & Development" (N.E.R.D.) trägt. Ein neuer Durchbruch des so ehrgeizigen wie genialen Paares wird quasi hinfällig, als zwei der von ihnen geklonten, wurmähnlichen Wesen sich während einer Presseschau buchstäblich zerfetzen. Der geplanten Kreuzung von menschlichen und pflanzlichen Genen schiebt die Firmenleitung daher einen Riegel vor. In einem abgelegenen Teil des Labors realisieren die Wissenschaftler ihren Plan dennoch – und er gelingt. Was zunächst wie ein schleimiger Nacktmull und kurz darauf wie Gollum aussieht, entwickelt sich rasch zu einem weiblichen Wesen (Delphine Chanéac), das zwar einen Schwanz mit Giftstachel schwingt, aber doch irgendwie ansehnlich ist. Wer sich allerdings über ethische Fragen so kühn hinwegsetzt wie Elsa und Clive, muss (zumindest in der Fiktion) meistens nicht lange auf die Rechnung warten.

Vor allem mit seinen beiden zu Kultprodukten avancierten Filmen "Cube" (1997) und "Cypher" (2002) erarbeitete sich der Kanadier Vincenzo Natali einen Ruf als eher abseitiger Filmemacher: Abseitig, weil er nur ein relativ kleines Publikum bedient, weil er narrativ und ästhetisch abseits der Konventionen inszeniert und nicht zuletzt weil er mit seinen stets dem Horror verpflichteten Filmen in psychische Abgründe blickt. Klinische, gewissermaßen mathematische Versuchsanordnungen verbinden sich in Natalis Thrillern mit sorgfältig charakterisierten, realistischen und daher glaubwürdigen Figuren. Ganz so funktioniert auch "Splice", Natalis Film, der auf dem Fantasy Filmfest 2010 seine Deutschland-Premiere feierte.

Als Vorlage für den mit psychoanalytischen Fragestellungen versetzten Gen-Thriller dient Mary Shelleys Gruselklassiker "Frankenstein", die Geschichte des modernen Prometheus. Ein Remake ist "Splice" jedoch keineswegs, vielmehr wabert der Schauerroman als frei adaptierte Blaupause im Hintergrund – als die deutlichste von mehreren Inspirationsquellen, die zwischen "Species" und diversen Cronenberg-Filmen changieren. Doch der zentrale Bezugspunkt bleibt Frankenstein: "Splice" ersetzt den begabten Doktor durch ein nicht minder talentiertes Wissenschaftler-Paar; die Kreatur ist nicht mehr aus eingesammelten Leichenteilen zusammengeschraubt und mit Elektrizität zum Leben erweckt, sondern mittels zeitgemäßer Gentechnik im Reagenzglas erschaffen. Andere Bausteine aus Shelleys Roman und den daran anschließenden Verfilmungen behält Natali jedoch bei: So projizieren Clive und Elsa ihre Selbstbilder, Sehnsüchte und Überzeugungen auf das von ihnen ins Leben gerufene Wesen, das sie Dren taufen (N.E.R.D. rückwärts). Außerdem emanzipiert sich das geklonte Wesen zunehmend von seinen "Eltern", wird sich seiner Andersartigkeit bewusst und fordert, letztlich mit Gewalt, ein normales Leben mit allem was dazugehört – ganz so wie Frankensteins tragisches Monster. Da dieser Wunsch nur allzu verständlich ist, weckt Dren trotz ihrer Unheimlichkeit gewisse Sympathien und fordert den Zuschauer als Figur zur aktiven Auseinandersetzung heraus.

Aber Vincenzo Natali, der auch das Drehbuch mitgeschrieben hat, findet in seinem Film noch andere Themen. So kann "Splice" als eine grotesk überzeichnete, teils komische Allegorie auf die Familiengründung und damit verbundene Ängste und Zweifel gelesen werden. Während Clive sich schon lange ein gemeinsames Kind mit Elsa wünscht, ist diese aufgrund eigener Kindheitserfahrungen zurückhaltend. Mit Dren, die sich von einem monströsen Haustier zum waschechten Tochter-Ersatz entwickelt, ist die Familie nun komplett, wobei die neue Konstellation alsbald in realen Horror umschlägt. Daneben erzählt "Splice" auch eine Coming-of-Age-Geschichte: Dren, zunächst ein kleines Kind, durchlebt eine Pubertät und schließlich ihr sexuelles Erwachen, womit die Probleme dann anfangen. Für die mit dem Klonen verbundenen Ethikfragen interessiert "Splice" sich bei alldem übrigens nur am Rande.

Inszenatorisch und damit auch atmosphärisch rekurriert "Splice" auf klassische Horrorfilme, wenngleich er letztlich mehr Thriller denn Gruselschocker ist. Die düstere Musikuntermalung, die unbehaglich machenden Hintergrundgeräusche sowie die vereinzelten Splatter-Einlagen sind die deutlichsten Gruselmotive. Auch der zweite Hauptschauplatz – eine im Wald gelegene, verlassene Scheune, in der Elsa und Clive ihre Schöpfung verstecken – ist ein klassischer Horrorfilmort. Das vielleicht etwas ungelenk eingeleitete Finale führt dann auch in den nächtlichen Wald und geradewegs in den letzten psychischen und physischen Abgrund. Das N.E.R.D.-Labor schließlich, in der ersten Filmhälfte der zentrale Handlungsort, wird durch die Art und Weise der Inszenierung und die dort stattfindenden Ereignisse ebenfalls zu einem Ort des Horrors – und zum zentralen Reflexionsraum des Films: Die Sterilität der Versuchsanordnung, die an "Cube" erinnernde Stilisierung, das Kalte, Präzise und Mathematische des Films, all das steckt in diesem Labor, in dem Clive und Elsa abseits der Gesellschaft ihr Schicksal besiegeln.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Splice - Das Genexperiment
(Splice)

Kanada/Frankreich/USA 2009
Regie: Vincenzo Natali;
Darsteller: Adrien Brody (Clive Nicoli), Sarah Polley (Elsa Kast), Delphine Chanéac (Dren), Brandon McGibbon (Gavin Nicoli), Simona Maicanescu (Joan Chorot), David Hewlett (William Barlow), Abigail Chu (Dren als Kind) u.a.;
Drehbuch: Vincenzo Natali, Antoinette Terry Bryant, Doug Taylor; Produzent: Steven Hoban; Kamera: Tetsuo Nagata; Musik: Cyrille Aufort; Schnitt: Michele Conroy;

Länge: 108 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; deutscher Kinostart: 3. Juni 2010



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Zitat

"Er etablierte eine Form der Filmkritik, wie es sie vorher und nachher nicht mehr gab. Merker bestand darauf, bei der Auswahl der Filme und der Ausschnitte freie Hand zu haben - was heutzutage, im Zeitalter der immer gleichen Clips, undenkbar ist. Jahrelang gaben sogar die großen Verleihe nach, weshalb Hollywood bei ihm eine ebenso große Rolle spielte wie unabhängig gedrehte, schützenswerte Werke. Helmut Merker mochte nicht einzelne Filme, sondern er liebte das Kino."

Aus dem Nachruf von Milan Pavlovic in der Süddeutschen Zeitung zum Tode des früheren WDR-Filmredakteurs, Filmpublizisten und
-kritikers Helmut Merker (18.08.1942 - 03.09.2018)

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