09.11.2018

Sommer auf dem Land

"Öffne deine Augen!" lautet die erste Dialogzeile des Films. Das zugehörige Bild zeigt die kürzlich verstorbene, über alles geliebte Frau des Konzertpianisten Bogdan (Zbigniew Zamachowski), die mit geschlossenen Augen im Sarg liegt. Nach der Beerdigung macht die Erzählung schnell deutlich, dass Bogdan den Tod seiner großen Liebe Izabela (Lucyna Malec) überaus schlecht verkraftet. Anstehende Konzerte sagt der Musiker ab und verlebt den Sommer lieber auf dem kleinen Bauernhof seiner Mutter, der mitten im polnischen Hinterland liegt. Beim Melken bemerkt der Liebeskranke eine Kuh, die ein besonderes Interesse an klassischer Musik hegt und deren Milch besonders schmackhaft ist. Sofort steht für Bogdan unverrückbar fest, dass Izabelas Seele in der friedlichen Kuh steckt.

Von diesem Konflikt aus entwirft der polnische Regiedebütant Radek Wegrzyn seine schön zwischen Drama und Komödie austarierte deutsch-polnisch-finnische Koproduktion "Sommer auf dem Land", die immer eingängig und unterhaltsam bleibt, aber keineswegs ins Plumpe abrutscht. Weil das Drehbuch die verschrobene Perspektive Bogdans einnimmt, jedoch keinen Aufschluss darüber gibt, ob Bogdan einer Wahnvorstellung verfällt oder die Wahrheit sieht, liegt es über die komplette Spieldauer am Publikum, die Situation "von außen" einzuschätzen. Mit verzerrten Erinnerungsbildern, Überbelichtungen und Motiven wie Traum, Glaube und Trauer streut die – insgesamt recht gediegen und altmodisch in Szene gesetzte – Tragikomödie stetig Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Hauptfigur.

Letztlich spielt es aber keine allzu große Rolle, ob Bogdan seiner Einbildungskraft zum Opfer fällt oder nicht. Was zählt, sind die Reaktionen der übrigen Figuren auf das Verhalten des Trauernden: Während die sorgenvolle Mutter einen katholischen Priester um einen Exorzismus bittet, duldet der herzensgute wie naive Landbewohner Pawel die Verrücktheit Bogdans. Zentral ist die Beziehung zwischen Bogdan und seiner erwachsenen Tochter Anna, die von der Liebe Bogdans zur Kuh überfordert ist. Am Ende raufen sich beide in einem treffenden Schlussbild zusammen: Stand am Anfang noch eine Beerdigung, so steht am Ende eine gestärkte Vater-Tochter-Beziehung.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Sommer auf dem Land
(Swieta krowa/Father, Son & Holy Cow)

Polen/Deutschland/Finnland 2011
Regie: Radek Wegrzyn;
Darsteller: Zbigniew Zamachowski (Bogdan), Lucyna Malec (Izabela), Antoni Pawlicki (Pawel), Agata Buzek (Anna), Elzbieta Karkoszka (Katharina), Andrzej Mastalerz (Priester), Patrycja Topajew (junge Izabela), David Lebkowski (junger Bogdan) u.a.;
Drehbuch: Roberto Gagnor, Cezary Iber, Radek Wegrzyn; Produzenten: Fabian Gasmia, Christoph Hahnheiser; Kamera: Till Vielrose; Musik: Daniel Sus; Schnitt: Agnieszka Glinska;

Länge: 93,27 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 16. Februar 2012



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Zitat

"Ich schaue nicht auf irgendeinen meiner Filme mit Vorliebe oder Stolz zurück. Ich schaue auf meine Filme allgemein zurück... Ich kann nur die Redewendung benutzen: 'Ich bin verflucht'."

("I don't look back on any film I've done with fondness or pride. I look back on my films and on the past generally ... I can only used the phrase, 'Well, I'm damned.'")

Der britische Regisseur Nicolas Roeg (15.08.1928 - 23.11.2018; "Wenn die Gondeln Trauer tragen", "Der Mann, der vom Himmel fiel")

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