05.03.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Generation Kplus

Siv Sleeps Astray


Die Nordlichter tauchen den Winterhimmel über Skandinavien in ein magisches Licht. In so einer Nacht können unheimliche Dinge geschehen. Ganz besonders dann, wenn man sie nicht zu Hause verbringt. Das erlebt die junge Heldin von Catti Edfeldts und Lena Hanno Clynes Kinderfilm, als sie in der seltsamen Wohnung ihrer neuen Mitschülerin übernachtet.

Siv Sleeps AstrayPija Lindenbaums gleichnamiges Kinderbuch (dt. Titel: "Mia schläft woanders") von 2009 wurde in Schweden bei Lesern und Kritikern gleichermaßen zum Erfolg. Doch auch wenn man die Hauptfigur Siv (Astrid Lövgren) nicht aus der von der Autorin selbst illustrierten Vorlage kennt, macht die Leinwandadaption Spaß. Das verdankt die gelungene Mischung aus Realfilm und computeranimierten Effekten zum einen der fantasievollen Ausstattung, zum anderen den originellen Situationen. Die Handlung richtet sich an Kinder im Grundschulalter und ist an sich unspektakulär. Siv bekommt eine neue Mitschülerin und ist von ihrem selbstbewussten Auftreten sofort beeindruckt. Cerisia (Lily Brown) kommt aus Stockholm und wirkt mit ihren schicken Sachen und lebhaften Temperament viel erwachsener als die schüchterne Siv. Die anderen Kinder finden Cerisias seltenen Namen und ihre feuerroten Locken komisch. Aber Cerisia kümmert sich nicht um die Jungs, die sie außerdem wegen ihrer schwedischen Herkunft hänseln. Das Thema Fremdenfeindlichkeit berührt die Handlung nur dezent, aber ältere Kinder fragen sich sicher, wie die Mitschüler wohl auf sonst auf Fremde reagieren, wenn sie schon ein Kind aus dem skandinavischen Nachbarland beschimpfen. Siv schließt trotzdem Bekanntschaft mit Cerisia, die sie einlädt, bei ihr zu übernachten. Vielleicht würden sie ja allerbeste Freundinnen werden. Bis dahin liegt aber noch ein abenteuerlicher Weg vor der Heldin.

Siv Sleeps Astray Das Regie-Duo Edfeldt und Hanno Clyne inszeniert auf amüsante Weise das Laisser-faire-Milieu bei Cerisias Eltern. Ihr Haus hat eine bunte Künstlerfassade, der Flur der riesigen Altbauwohnung ist mit einer Dschungel voller Tromp-L'oeil-Bilder tapeziert und Cerisia darf fast alles, was sie will. Siv findet die unvertraute Umgebung zugleich spannend und beängstigend. Zum Glück hat sie die Handynummer ihres Vaters, falls sie lieber heim möchte. Doch Cerisia steckt den Zettel ohne auf die leisen Einwände ihres Gasts zu hören in ihre Schlafanzugtasche. Als Siv nachts aufwacht, ist Cerisia verschwunden. Die Suche wird zur aufregenden Tour durch die geheimnisvollen Zimmer. Aus der Wohnung wird ein Zauberreich, wo Traum, märchenhafte Archetypen wie Riesen und sprechende Tiere und Sivs Ängste aufeinandertreffen. Hier lernt die Heldin selbstständig zu entscheiden und dass "anders" nicht gleich "gefährlich" bedeutet. Den Wunsch nach Hause zu gehen verdrängt dabei rasch das Ziel, einem anderen Mitglied von der Familie zu helfen. Empathie ist der Ausgangspunkt für die Freundschaft zu Cerisia, die zwar gerne den Ton angibt, aber einsehen kann, dass Freunde einander nicht nur rumkommandieren.

Die unaufdringliche Botschaft der imaginativen Literaturverfilmung ist zugleich zeitlos und aktuell: Die Bekanntschaft mit Unbekanntem kann manchmal einschüchtern, aber am Ende ist sie bereichernd.  

Lida Bach / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Karolina Pajak

 
Filmdaten 
 
Siv Sleeps Astray (Siv sover vilse) 
 
Schweden/Niederlande 2016
Regie: Catti Edfeldt, Lena Hanno Clyne;
Darsteller: Astrid Lövgren (Siv), Lilly Brown (Cerisia), Henrik Gustafsson (Sivs Vater Nils), Sofia Ledarp (Cerisias Mutter Alva), Barry Atsma (Cerisias Vater Bastiaan), Valter Skarsgard (Cerisias Bruder Elme), Annemarie Prins (Cerisias Großmutter), Bianca Kronlöf (Kleiner Finger), Nour El-Refai (Daumen) u.a.;
Drehbuch: Lena Hanno Clyne, Thobias Hoffmén, nach einem Buch von Pija Lindenbaum; Produzent: Petter Lindblad; Kamera: Gabriel Mkrttchian; Musik: Merlijn Snitker; Schnitt: Christer Furubrand;

Länge: 79 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Der Film im Katalog der Berlinale
<05.03.2016>


Zitat

"Kein guter Film ist zu lang und kein schlechter Film ist kurz genug."

US-Filmkritiker Roger Ebert (+ 2013)

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