29.02.2020 (geschrieben 1997)

Irrungen und Wirrungen in den 1990ern

Singles
- Gemeinsam einsam

1992: Das musikalische Untergrundphänomen "Grunge" ist endgültig vom Unterhaltungsbusiness geschluckt worden. Nachdem sich Musik, Mode und Lifestyle aus dem kargen Fundus der Szene reichhaltig bedient haben, und alle ganz klug von der "Generation X" und den "Twenty-somethings" quatschten, war es nur die berüchtigte Frage der Zeit, wann denn Hollywood auf den Zug nach Nirgendwo aufspringen würde...

Cameron Crowes Regiedebüt ist selbstverständlich in Seattle angesiedelt, jener fast vergessenen Metropole im einsamen Nordwesten der USA, in der es ständig regnet und die urplötzlich zur Brutstätte des angesagten, mollheulenden Gitarrenrocks wurde. Da liegt es sehr nahe, dass sich die Epigonen ebenjener Musik ein familiäres Stelldichein in Crowes Liebeskomödie geben dürfen. Pearl Jam beweisen als Cliffs Band "Citizen Dick" Mut zur Selbstpersiflage, Alice in Chains dürfen wie Soundgarden im Film lärmen; überhaupt tauchen stets und ständig Querverweise zu bekannten (Indie-)Rockgrößen auf. Der Film feiert Seattle, und Seattle, die Stadt aus der zweiten Reihe, feiert begeistert mit. Amerikaner nennen so etwas gerne "Zeitgeist", obwohl niemand das so genau definieren kann. Wenn Zeitgeist nun das Aufgreifen aktueller Musik und Gefühle meint, dann ist Singles dem verdammt nahe.

Steve, der fanatische Eisenbahnplaner, trifft Linda, die naiv-engagierte Greenpeace-Aktivistin und verliebt sich in sie. Seine Nachbarin Janet ist mit dem fleischgewordenen Rockstarklischee Cliff liiert, der sie aber vernachlässigt und seine Vorliebe für üppige Oberweiten nur schlecht kaschieren kann. Auf dieser Basis aufbauend entwirft Crowe eine ungemein charmante Beziehungskomödie mit garantiertem Identifikationsgehalt. Seine Figuren bekommen den nötigen Platz, um sich glaubwürdig zu entwickeln. Vor allem in der Beziehung zwischen Linda und Steve porträtiert Crowe, der ehemalige Rolling Stone-Schreiberling, unverschämt-vertraute amouröse Spielchen beziehungsgestörter Individualisten in den Neunzigern. Heikle Fragen und Probleme wie das altbekannte "Anrufen-oder-auf-Anruf-warten-Spiel" lässt er die Charaktere durchleben und vor allem ironisiert in Freundeskreis der beiden nahezu totquatschen. Die Figuren lieben und leiden, irren und wirren durch den Beziehungsdschungel, dass es zunächst einmal sehr amüsant und dann doch fast rührend ist. Und dass sich schlussendlich alle finden und lieben dürfen, darüber regen sich nun wirklich nur besonders übellaunige Zeitgenossen auf, der Rest nimmt's dankbar an und ist zufrieden, glücklich und fast ein bisschen in diesen Film verliebt...

1997: Nachbetrachtung: Grunge ist toter als er je lebendig war, der Wanderzirkus Musikbusiness hat ihn verdaut und ausgeschieden, die Karawane ist weitergezogen und sucht immer schneller nach neuen Trends und Bands, um sie sich einzuverleiben. Fünf Jahre später ist der Film immer noch rührendes Dokument eines längst vergangenen, beinahe unschuldig anmutenden Epöchelchens und immer noch naiv und immer noch schön. Was bleibt, ist die Erinnerung... und ein großartiger Soundtrack.  

Helge Judenau / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Singles - Gemeinsam einsam
(Singles)

USA 1992
Regie & Drehbuch: Cameron Crowe;
Darsteller: Bridget Fonda (Janet Livermore), Campbell Scott (Steve Dunne), Kyra Sedgwick (Linda Powell), Sheila Kelley (Debbie Hunt), Jim True (David Bailey), Matt Dillon (Cliff Poncier), Bill Pullman (Dr. Jeffrey Jamison), James Le Gros (Andy), Eric Stoltz (Mime), Jeremy Piven (Doug Hughley), Tom Skerritt (Mayor Weber), Paul Giamatti (küssender Mann), Chris Cornell (Chris), Tim Burton (Brian) u.a.;
Produzenten: Cameron Crowe, Richard Hashimoto; Kamera: Tak Fujimoto, Ueli Steiger; Musik: Paul Westerberg; Schnitt: Richard Chew;

Länge: 99 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 22. April 1993



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"Ich hasse James Bond. Ich könnte ihn umbringen."

007-Darsteller Sean Connery, 90. Geburtstag am 25. August 2020

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