25.12.2017

Shotgun Stories

Eine Szene von "Shotgun Stories" zeigt Bahngleise, die den Eindruck vermitteln, als habe sie seit der Eroberung des amerikanischen Westens kein Zug mehr befahren. Auch die namenlose, staubige Kleinstadt nicht unweit der Gleise hinterlässt diesen Eindruck. In dieser trostlosen und ursprünglichen Szenerie inszeniert Regisseur Jeff Nichols seinen so präzise wie einfach gestalteten Rache-Thriller, der sich für den fatalen Mechanismus von Gewalt und Gegengewalt interessiert.

Die Brüder Son, Boy und Kid Hayes wurden als Kinder von ihrem lieblosen Vater verlassen, der daraufhin – nun gläubiger Christ – auf einer Farm nahe der Stadt eine neue Familie mit vier Söhnen gründete. Seit jeher schwelt ein Konflikt zwischen den Familien, der auf der Beerdigung des gemeinsamen Vaters eskaliert: Son (Michael Shannon), der älteste der drei Verstoßenen, bespuckt den Sarg des Toten und löst damit eine scheinbar unaufhaltbare Gewaltspirale aus.

In schnörkellosen Cinemascope-Bildern gestaltet Jeff Nichols diese Familienfehde als eine moderne Fortführung des Westerngenres. Die unter anderem von "Badlands" (Terrence Malick, USA 1973) inspirierte Inszenierung seines Debütfilms ist dabei nicht an der bloßen Darstellung, sondern an einer Analyse der Folgen von Gewalt interessiert, an ihrer Auswirkung auf die Figuren, die viele falsche Entscheidungen treffen. Dazu Regisseur Nichols: "Ihre Wut und ihre sonstigen Gefühle sind zwar nachvollziehbar, aber ihre Reaktionen darauf nicht angemessen. Ich hoffe, dass Shotgun Stories ein ehrliches Bild von ganz gewöhnlichen, hart arbeitenden Menschen zeichnet, die auf den Schmerz und den Kummer reagieren, der ihnen in ihrem Leben begegnet bzw. den sie teilweise selbst verursachen." Das ist dem Regisseur fast ohne Einschränkung auch dadurch gelungen, dass er blutige Szenen konsequent ausblendet und das Drama überraschend besonnen enden lässt. Allenfalls einige überdeutliche Metaphern und Stimmungsbilder lassen den Film bisweilen ins Schematische driften, verleihen ihm dadurch aber auch eine bestechende Klarheit.

Michael Shannon, der für seine Nebenrolle in Sam Mendes' "Zeiten des Aufruhrs" einen Oscar erhielt, ist die wesentliche Identifikationsfigur und übernimmt als ältester der drei Brüder die Anführerrolle – in manchen Szenen wirkt er wie Alex aus "Uhrwerk Orange", dem er auch physiognomisch ähnelt. Die Affinität zu Gewaltexzessen teilt er mit der Kubrickschen Figur allerdings nicht, vielmehr ist er ein tief gekränkter, hilfloser Mann, der sich aufgrund seiner Spielsucht mit der Mutter des gemeinsamen Sohnes zerstritten hat, dem er sich nur zaghaft nähert. Shannon macht die Konflikte seiner Figur greifbar, nachvollziehbar und glaubhaft, und das auch ohne ausladende Erklärungen des kompakten Drehbuchs, das sich kaum Abschweifungen erlaubt. Sein Bruder Kid (Barlow Jacobs) sucht das Glück bei einer jungen Frau, die er heiraten will, der introvertierte Boy (Douglas Ligon) trainiert ein paar Jungs auf einem lädierten Basketballplatz. Die Perspektiven der Brüder bleiben auf diesen engen Horizont beschränkt, ebenso wie die der Halbbrüder, die auf der Farm und den Baumwollfeldern arbeiten. Sie alle ergeben sich der verhängnisvollen Familiengeschichte, die in der Ungerechtigkeit und emotionalen Brutalität der doppelten Vaterfigur wurzelt. Die Frauen können, wie in einem Western eben, nur am Rand in das Geschehen eingreifen: Sie sind zwar lebendige, mit Konturen versehene Figuren, leben aber in einer von Männern "gemachten" Welt und müssen den Konflikt schlicht ertragen.

Die zerklüftete, abweisende und rohe Landschaft und das von der Moderne abgeschnittene Kaff irgendwo in Arkansas liefern die perfekte Kulisse für die tiefgreifende Ausweglosigkeit der Figuren. Der Dreck auf den Straßen, die raue Natur und die schäbige Tankstelle spiegeln das Innenleben: "Shotgun Stories" ist einer jener Filme, bei denen der Handlungsort selbst zum entscheidenden Protagonisten avanciert. Es ist daher sinnvoll, dass Nichols im Cinemascope-Verfahren gedreht hat, um der Natur die nötige Geltung zu verschaffen.

In knapper, erfrischend ökonomischer Erzählweise charakterisiert der Film Son, Boy und Kid sowie deren vier Halbbrüder. Dass Nichols dabei – von einer Ausnahme abgesehen – keine eindeutige Trennlinie zwischen Gut und Böse zieht, sondern die begrenzten Sichtweisen und Handlungsspielräume aller Beteiligten ohne moralische Anklage aufzeigt, lässt "Shotgun Stories" zu einer differenzierten und ehrlichen, uramerikanischen Rache-Geschichte werden. Die verfeindeten Protagonisten sind in den patriarchalen Strukturen ihrer gescheiterten Familiengeschichte gefangen: Nicht einmal ein symbolischer Kameraschwenk auf einen Highway gibt Hoffnung auf ein besseres Leben anderswo – der Gedanke an einen Ausbruch, an Flucht, kokelt allenfalls im Hintergrund, ist aber nie eine wirkliche Option. Erst zum Schluss, als alles vorbei ist, zieht das Drehbuch eine solche Möglichkeit in Betracht.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Shotgun Stories
(Shotgun Stories)

USA 2007
Regie & Drehbuch: Jeff Nichols;
Darsteller: Michael Shannon (Son Hayes), Douglas Ligon (Boy Hayes), Barlow Jacobs (Kid Hayes), Michael Abbott Jr. (Cleaman Hayes), Travis Smith (Mark Hayes), Lynnsee Provence (Stephen Hayes), David Rhodes (John Hayes), Glenda Pannell (Annie Hayes), G. Alan Wilkins (Shampoo), Natalie Canerday (Nicole), Cole Hendrixson (Carter) u.a.;
Produzenten: David Gordon Green, Lisa Muskat, Jeff Nichols; Kamera: Adam Stone; Musik: Lucero, Ben Nichols; Schnitt: Steven Gonzales;

Länge: 90 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 8. Oktober 2009



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"Der Arzt sagte zu mir, ich hätte eine doppelte Persönlichkeit, dann gab er mir eine 82-Dollar-Rechnung. So gab ich ihm 41 Dollar und sagte 'Nimm die anderen 41 Dollar vom anderen Typen.'"

("The doc told me I had a dual personality, then he lays an $82 bill on me. So I give him forty-one bucks and say 'Get the other forty-one bucks from the other guy.'")

Jerry Lewis (1926 - 2017)

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