10.02.2011
Guten Morgen, liebe Sorgen

Sekai Good Morning!!


Ein neuer Morgen ist wie ein neues Leben. Nur nicht für den Obdachlosen, der eines Tages tot unter einer Brücke liegt. Yuta (Yoichiro Koizumi) kommt auf dem Weg zur Schule an der Unterführung vorbei, unter der er den verwahrlosten Mann täglich kauern sieht. Es ist der Tag, an dem "Sekai Good Morning!!" (Sekai = Welt) groß an der Tafel steht. In zwei Sprachen, in zweifacher bitterer Ironie.

Nie bewegt sich der Mann, nie spricht er. Nicht einmal um Geld bittet er. Vielleicht weiß er, dass ihm niemand etwas geben würde. Vielleicht redet der heruntergekommene Mann am Straßenrand auch nicht, weil er längst tot ist. Emotional scheint er abgestumpft bis hin zum seelischen Tod. Nur der apathische Körper bleibt zurück. Ihm stiehlt Yuta die Tasche mit Wertsachen. Etwas Verwendbares findet er nicht. Es sind persönliche Schätze, Erinnerungen an ein fremdes Leben, die der Beutel enthält. Zurückgeben kann Yuta das Diebesgut nie. Am nächsten Tag ist der Weg versperrt. Davor steht ein Polizist, dahinter liegt ein Toter.

Das Japan, welches der 24-jährige Hirohara in seinem Spielfilmdebüt zeigt, ist eine gefühlsarme, desinteressierte Welt. Yutas Trauer sticht darin wie ein Fremdkörper hervor. Nicht weil er den Mann nicht kannte, sondern weil die Erfahrung des Todes ihn überhaupt berührt. Gleichgültig räsonieren die Mitschüler des jugendlichen Außenseiters darüber, ob sie überhaupt sterben werden. Selbst der Tod ist nicht mehr sicher in "Sekai Good Morning". In Satoru Hiroharas ungeschöntem Jugenddrama scheint nichts geblieben, dass einen Halt bietet. Nur der verschlossene Hauptcharakter scheint den Mann wahrzunehmen. Die Ignoranz der anderen manifestiert sich als reales Verschwinden des Missachteten.

An der gleichen Stelle wie der Obdachlose hockt der junge Protagonist. Dessen Sterben bewegt Yuta schließlich, nach einem eigenen Leben jenseits der Tristesse zu suchen. Fast scheint es, als habe Yuta den Tod ausgelöst, indem er von der Existenz des Obdachlosen Notiz nahm. Die tatsächliche Schuld ist bei Hirohara jedoch kollektiv. Viele Leute hätten den Mann umgebracht, glaubt Yuta. Seine Worte beziehen sich nicht nur auf die Jugendgang, die in der Nacht seines Diebstahls nahe der Brücke umherzieht, sondern sein Umfeld an sich. Der jüngste Regisseur im Forum der diesjährigen Berlinale bringt einen zermürbenden und kantigen Beitrag, der ihm dennoch in Japan und Kanada Festival-Preise einbrachte.

Mit den bemerkenswerten Darstellungen, die Satoru Hirohara aus seinem Teils mit Laien besetzten Ensemble herausholt und der realistisch-schlichten Handlung kämpft "Sekai Good Morning!!" um Überzeugungskraft. Das minimale Budget wird in den grobkörnigen, mitunter amateurhaft wirkenden Handkamerabildern schmerzlich sichtbar. Gleichzeitig verstärken die rauen Szenen den Realismus des Dramas. Die Gleichgültigkeit und frustrierende Eintönigkeit, welche den Alltag der Protagonisten bestimmt, durchdringt die Leinwand. Leider nicht nur zum Vorteil des Films. Trotz seiner Kürze ist das unscheinbare Drama anstrengend, bevor der seelische Wandlungsprozess einen Hoffnungsschimmer in Yutas Leben bringt.  

Lida Bach     
 

 

 
Filmdaten 
 
Sekai Good Morning!!   
 
Japan 2010
Alternativtitel: Good Morning to the World
Regie: Satoru Hirohara;
Darsteller: Yoichiro Koizumi, Arai Miho u.a.;

Länge: 81 Minuten (Berlinale)

ein Film im Forum der Berlinale 2011



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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