11.03.2019

Sein und haben

Dieser grandiose Film ist eine mit viel Liebe gemachte, anrührende Dokumentation über eine von Hunderten von Dorfschulen in Frankreich, wo alle Schüler in eine Klasse passen. Schauplatz ist die Schule in Saint-Étienne-sur-Usson in der Auvergne. Georges Lopez unterrichtet ganz allein eine Klasse mit dreizehn Schülern im Alter von vier bis zwölf Jahren. Mit Geduld, Hingabe und Liebe betreut er diese verschiedenen Kinder mit ihren unterschiedlichen Charakteren, Fähigkeiten und familiären Hintergründen und hilft ihnen sanft dabei, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln.

Die Kleinen im Vorschulalter sitzen um einen runden Tisch herum, die älteren Kinder auf Schulbänken. Und die Großen helfen den Kleinen. Vom strengen Winter bis zu den ersehnten Sommerferien folgen wir dem Lernprozess. Zwischendurch zeigt die Kamera fast lyrische Bilder einer sich während der Jahreszeiten verändernden Landschaft in dieser nur dünn besiedelten ländlichen Region. Der Regisseur Nicolas Philibert folgt den Kindern bis in ihre Wohnungen, beobachtet sie bei ihrer Arbeit auf dem Bauernhof und bei ihren schulischen Hausarbeiten, bei denen ihnen die Eltern nicht viel helfen können. Das Ende des Films ist auch das Ende der beruflichen Laufbahn von Georges Lopez, der in Pension geht und voller Emotionen Abschied nimmt.

Der Dokumentarfilm bleibt ganz nah an den handelnden Personen und kann Zuschauer zu Tränen rühren, wenn sie sehen, wie behutsam kleine und große Lernerfolge erzielt werden und sich das Wissen und die Charakterentwicklung der Kinder festigen. Oder wenn ein Junge schluchzend erzählt, dass sein Vater Krebs bekommen hat, und Perez ihn tröstend in den Arm nimmt. Zu Recht hat dieser Film nach seiner Vorstellung bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes zahlreiche Preise erhalten. Es ist einer der schönsten Filme über Schule, Lehrer und Schüler, die ich je gesehen habe.  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Sein und haben
(Être et avoir)

Frankreich 2002
Regie, Kamera, Schnitt: Nicolas Philibert;
Mitwirkende: Georges Lopez (Lehrer) u.a.;
Produktion: Gilles Sandoz; Musik: Philippe Hersant;

Länge: 104 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; deutscher Kinostart: 16. Januar 2003 und in der Wiederaufführung 1. März 2007



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Zitat

"Dass er als ehemals verfolgter polnischer Jude nach dem Zweiten Weltkrieg in das Land der Mörder seiner Familie ging, um Filme zu produzieren und sich auch für den demokratischen Wiederaufbau Deutschlands engagiert einsetzte, ist ein wahres, ein großes Geschenk für unser Land. ... Zumal Artur Brauner dies [das Produzieren von Filmen über den Holocaust; Red.] schon in einer Zeit vorantrieb, in der man in Deutschland die eigene Schuld und die Mitwirkung an den Verbrechen der Nazis noch eher verdrängte, als diese aufzuarbeiten."

Kulturstaatsministerin Monika Grütters zum Tode des legendären Filmproduzenten Artur "Atze" Brauner (1. August 1918 - 7. Juli 2019)

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