12.05.2015

Sehnsucht nach Paris


Rinderzüchterin Brigitte Lecanu und ihr Mann Xavier leben und arbeiten in der Normandie. Sie ist eher verträumt, er steht mit beiden Beinen fest auf dem ländlichen Boden. Einziger Höhepunkt in ihrem Leben ist die jährliche landwirtschaftliche Leistungsschau, wo der Zuchtbulle Ben Hur Preise abräumt. Ein rotes Ekzem an Brigittes Brust will nicht verschwinden, der Zuschauer ahnt: weil es seelisch bedingt ist. Denn bis auf einen Gute-Nacht-Kuss spielt sich in sexueller Hinsicht nichts mehr zwischen den beiden ab. Als im Nachbarhaus eine Party stattfindet, macht Brigitte die Bekanntschaft eines jungen Parisers (Pio Marmaï), der ihr Komplimente macht. Und so fährt sie nach Paris – angeblich, um einen Hautarzt aufzusuchen – in Wahrheit möchte sie den jungen Mann wiedertreffen.

Diese Begegnung erweist sich aber als enttäuschend. Brigitte lernt dafür im Hotel den sehr attraktiven Geschäftsmann Jasper aus Dänemark (Michael Nyqvist) kennen und verbringt mit ihm einen schönen Abend auf dem Riesenrad und im Restaurant sowie eine erotische Nacht im Hotelzimmer. Sie bemerkt allerdings nicht, dass ihr Mann Verdacht geschöpft hat und ihr nach Paris gefolgt ist. Er gibt sich nicht zu erkennen. Auch zu Hause stellt er seine Frau nicht zur Rede. Nur an einer Postkartenrechnung, die Brigitte zufällig findet, erkennt sie, dass Xavier zur gleichen Zeit wie sie in Paris war. Langsam kommen die beiden wieder zusammen, Schlussszene: Während eines Israelurlaubs baden beide im Toten Meer, treiben auf dem Wasser wie in einer großen Einheit. "Ich glaube, das tut uns gut", sagt Xavier. "Ich hoffe es", sagt Brigitte. Ein Happy End? Jedenfalls scheint der Ausschlag zurückzugehen…

Der Film hat den Charme und die Leichtigkeit einer "typisch" französischen Komödie. Und er ist originell und weitgehend frei von Klischees. Isabelle Huppert erweist sich wieder einmal als außerordentlich wandlungsfähige Schauspielerin, die Landwirtin nimmt man ihr ohne Weiteres ab. Sie gestaltet brillant den Weg Brigittes vom Ausbruch aus der Ehe zur Rückkehr. Im STERN-Interview antwortete sie auf die Frage "Haben Sie mit diesem Film Ihr Image gegen den Strich bürsten wollen?" wie folgt: "Nein. Ich habe diesen Film gemacht, weil er mir gefällt. Ich fand ihn nett. Ziemlich sympathisch. Lustig. Aber Sie haben Recht, diese Figur überrascht die Leute. Vielleicht, weil es eine einfache Figur ist." Auch der in Frankreich sehr beliebte Jean-Pierre Darroussin überzeugt in seiner Rolle als im Grunde sanftmütiger Ehemann, dem es nicht leichtfällt, seiner Frau den Betrug zu verzeihen. Der Zuschauer erfährt übrigens, dass Xavier auch schon einmal fremdgegangen ist, hierdurch stellt sich ein gewisses Gleichgewicht zwischen den beiden her, und so wird Brigittes Ehebruch vom Zuschauer als weniger dramatisch empfunden.

Ein nicht unwichtiger Akzent liegt auf dem Verhältnis der beiden zu ihrem Sohn Grégoire (Clément Métayer). Er macht gegen ihren Willen eine Zirkusausbildung. Als Xavier in Paris ist, besucht er Grégoire in der Zirkusschule und bemerkt angesichts einer akrobatischen Vorführung, dass er auf seinen Sohn stolz sein kann.

Regisseur Marc Fitoussi, der schon einen Film mit Isabelle Huppert gedreht hat ("Copacabana", 2010), legt hier ein heiteres Stück Kino mit Tiefgang vor. Allerdings kann man sich durchaus vorstellen, dass in Wirklichkeit ein solcher Ehekonflikt nicht so problemlos versanden würde.  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Sehnsucht nach Paris (La ritournelle) 
 
Frankreich 2014
Regie & Drehbuch: Marc Fitoussi;
Darsteller: Isabelle Huppert (Brigitte Lecanu), Jean-Pierre Darroussin (Xavier Lecanu), Michael Nyqvist (Jesper), Pio Marmaï (Stan), Jean-Charles Clichet (Régis), Marina Foïs (Christiane), Audrey Dana (Laurette), Anaïs Demoustier (Marion), Clément Métayer (Grégoire Lecanu), Lakshantha Abenayake (Apu) u.a.;
Produktion: Avenue B Productions; Produzentin: Caroline Bonmarchand; Kamera: Agnès Godard; Musik: Tim Gane, Sean O'Hagan, Pascal Mayer; Schnitt: Laure Gardette;

Länge: 98,18 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih der Wild Bunch Germany GmbH; deutscher Kinostart: 12. Februar 2015



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Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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