28. November 2006

Kein Knüller


Scoop
- Der Knüller


Scoop - Der Knüller

Ein guter Reporter geht jeder heißen Spur nach. Es könnte ein Knüller sein. Dumm für Joe Strombel (Ian McShane): Er ist gestorben und auf dem Weg in die Hölle. So kann er nicht mehr recherchieren. Eine junge Frau, die so gerne zur Journalistin (Scarlett Johansson) reifen würde, versorgt er aus dem Jenseits mit Informationen. Sondra definiert bald investigative Ermittlung neu: Ist der gutaussehende Peter Lyman (Hugh Jackman), in den sie sich verliebt, ein Mörder? Eine Komödie von und wieder mit Woody Allen: Normalerweise ein Garant für intelligente Erzählkunst. Normalerweise.



Woody Allen tritt in seinen Filmen immer seltener vor die Kamera. Er verzichtete zuletzt darauf, weil, wie er sagt, er dann stets aufs Neue gut frisiert und sauber rasiert sein müsse.
Scoop - Der KnüllerIn "Scoop - Der Knüller" hält er sich nicht an sein selbst auferlegtes Verdikt. Er ist wieder da, mitwirkend im eigenen Film. Sein Aussehen, seiner nunmehr 70 zum Trotz, ist blendend. Aber: Es ist das erste Mal, dass man als Kinogänger Allens Schritt zurück auf die Leinwand bedauert. Nie zuvor hat er für seine eigene Rolle derart elementar das richtige Maß verfehlt. Sein Bühnenzauberer Sid Waterman, von Sondra in die Handlung um eine Mordserie verwickelt, hampelt sich von Szene zu Szene mit Dialogsätzen auf für Allen verblüffend humorlosem Niveau. Gegen Ende des Films unternimmt seine Figur die Wendung zum im Mordfall die richtigen Schlüsse ziehenden Columbo-Verschnitt. Es hilft auch nicht weiter.

Scoop - Der KnüllerEs ist allgemein fatal, wenn der am wenigsten blasse Charakter im Film der von Zeit zu Zeit aus dem Jenseits vorbeischauende Joe Strombel ist. Scarlett Johansson unterdessen als unerfahrene Möchtegern-Journalistin und Hugh Jackman als smarter High-Society-Playboy bilden zwar ein ansehnliches Filmpaar. Doch beide Jungschauspieler agieren adäquat dazu, wie Allen seinen Film konzipiert zu haben scheint: Als schnellen Nachdreh hinter "Match Point", mit ähnlicher Thematik, allerdings aufgrund der Vorgabe als Komödie mit anders gelagerter Dramaturgie. "Match Point" war Woody Allens großes Comeback. Er war nie fort, aber in der Zeit nach 2000 um "Melinda und Melinda" hatte er ein Tief erreicht. Stets in den letzten vierzig Jahren seit Karriereanfang gelang es ihm, pro Jahr durchschnittlich einen Film zu inszenieren. Er begann mit Slapstick, seine Komödien wurden ernster, reifer, dann traute er sich den Sprung zu, dramatische Stoffe zu drehen, dazwischen immer mal wieder eine Komödie oder eine Mischung aus beidem.
Nach "Innenleben" ("Interiors", 1978) über eine vom Gatten verlassene, daran psychisch zusammenbrechende Frau, folgte so "Verbrechen und andere Kleinigkeiten" ("Crimes and Misdemeanors", 1989), und Allen hatte seinen Stil: Er splittete seine Filme öfter auf. Allen schrieb sich eine Rolle, die den tragikomischen Part übernimmt, ins Drehbuch, eine andere Figur als zweite Hauptrolle konnte im selben Film einen Mord begehen. Wie Martin Landaus Figur in "Verbrechen ..." Nicht immer verfuhr Allen so, aber in "Scoop" erneuert er den Split, während er zuvor, ohne selbst dabei auf der Leinwand zu erscheinen, brillant in "Match Point" den Werdegang eines jungen Mannes zum Mörder nachzeichnete. Er konzentrierte sich regelrecht auf die Charakterisierung des High-Society-Einsteigers in "Match Point", indem er sich, besser: sein Alter Ego im Film, beiseite ließ. Der Erfolg von "Match Point" muss ihn beeindruckt, ja beeinflusst haben, es wieder mit einer Story um einen jungen Mann zu versuchen, der als Mitglied der High Society jedwedes Moralgefühl verloren haben könnte - könnte, denn Sondra Pransky, die von Scarlett Johansson gespielte junge Frau, die von Karriere träumt, möchte herausfinden, ob der Sohn eines Lords eine Mordserie verübt. So wie der junge Tennistrainer in "Match Point" schleicht sich Sondra in "Scoop" erfolgreich in die Oberschicht ein, begleitet von Sid Waterman, den sie vor den Lymans als ihren Vater ausgibt. In "Scoop" versucht sich Allen also erneut an der Aufteilung auf eine Kriminalgeschichte um zwei junge Leute und seine Figur, die zugleich der Story das tragikomische Element verleihen soll. Die Tragik: Seine Figur ist nicht komisch. Der Krimi-Plot ist fade.

Scoop - Der Knüller: Versuch der Kontaktaufnahme

Scarlett Johansson ist nach "Match Point" zur Muse Woody Allens geworden. Sofort nach "Match Point" plante er ein zweites Filmprojekt mit ihr und unbedingt für sie, das auch wieder in London spielt. Zu schnell zu überstürzt haben sie das Projekt unternommen, man ist versucht zu sagen abgewickelt, denn "Scoop" ist nur ein Rohbau eines Films, schon gar keine Komödie - und alles andere als ein Knüller.

 
Michael Dlugosch / Wertung: * (1 von 5)

Quelle der Fotos: Concorde Filmverleih


Filmdaten

Scoop - Der Knüller
(Scoop)

GB / USA 2006
Regie: Woody Allen;
Darsteller: Ian McShane (Joe Strombel), Scarlett Johansson (Sondra Pransky alias Jade Spence), Woody Allen (Sid Waterman alias Zauberer Splendini alias Vater Spence), Hugh Jackman (Peter Lyman), Julian Glover (Lord Lyman, Peters Vater), Charles Dance u.a.; Drehbuch: Woody Allen; Produktion: Letty Aronson, Gareth Wiley; Ausführende Produktion: Stephen Tenenbaum; Co-Produktion: Helen Robin, Nicky Kentish Barnes; Kamera: Remi Adefarasin; Musik: u.a.: Edvard Grieg ("In der Halle des Bergkönigs");

Länge: 95 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; deutscher Kinostart: 16. November 2006; ein Film im Verleih von Concorde Filmverleih




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Scoop
<28.11.2006>  



Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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