30.01.2019
Der Karl Marx des rechten Flügels

Schumpeter
– The Man Who Discovered Capitalism


Fast völlig vergessen und doch bedeutend ist Joseph Alois Schumpeter (1883 – 1950). Den einst wichtigen Ökonom ruft der 2016 gedrehte 52-minütige Dokumentarfilm von Regisseur Detlef Siebert in Erinnerung, verhilft ihm zu neuem Ansehen und geht auf seine Wirtschaftstheorien ein. Der Zuschauer braucht nicht die Sorge zu haben, dass der Film zu thesenhaft wird, spielerisch interpretiert Siebert den Wirtschaftsprofessor und Kurzzeitpolitiker Schumpeter, der aus Österreich in die USA auswanderte, um ab 1932 in Harvard zu lehren. Auch auf Schumpeters Privatleben geht der Film ein, wobei die Kindheit ausgespart wird. Seine größte Liebe verlor der Mann, seine 20 Jahre jüngere Ehefrau Anna, die ihre erste Schwangerschaft nicht überlebte. Gleichzeitig war er ein Mann, der alle Frauen liebte. Und Pferde. Im Zentrum des geradlinig erzählten Films stehen aber das Wirken Schumpeters und seine Wirkung auf die folgenden Generationen. Er kämpfte für seine Theorie, in Innovationen müsse investiert werden, dann ginge es den Menschen und dem Staat besser.

Schumpeter war laut Filmtitel "The Man Who Discovered Capitalism", der Mann, der den Kapitalismus entdeckte. Ein Professor aus Pisa, den Siebert zu Wort kommen lässt, sagt über den 1950 Verstorbenen, Schumpeter sei "the right-wing version of Karl Marx", der Karl Marx des rechten Flügels. Jener Professor Giovanni Dosi ist nur einer von mehreren Experten, die im Film zu Schumpeter befragt werden. Auch Schüler des knapp nach der Jahrhundertwende zum jüngsten österreichischen Wirtschaftsprofessor Ernannten sprechen vor der Kamera über ihn, alt gewordene Harvard-Absolventen. Von Zeit zu Zeit gibt es Filmszenen, in denen ein Schauspieler (Vitus Wieser) Schumpeter darstellt, wenn er beispielsweise von seinen Studenten zum großen Rivalen John Maynard Keynes befragt wird, nicht ohne Kritik der Schüler an Schumpeter: Sie glaubten oft eher Keynes‘ Theorien. Neben Interviews und Spielszenen arbeitet der Film tricktechnisch: In Animationen erläutert Siebert die Aussagen des Harvard-Professors über Wirtschaft.

Diese sind Antithesen zum Keynesianismus: Schumpeters gleichaltriger Rivale sagte, in Wirtschaftskrisen müsse der Staat Leuten Geld geben. Denn das geben sie wieder aus, es fließt zurück in den Wirtschaftskreislauf. So Keynes. Und Schumpeter? Er sah Krisen als nicht so schlimm an, auf einen Börsencrash folgten bessere Tage, danach ginge es wieder abwärts und so fort. Schumpeters These wird "creative destruction" genannt, "schöpferische Zerstörung". Seine Hauptthese war aber: Man müsse in Innovationen investieren. Damit nahm Schumpeter den Fortschritt vorweg, den nach ihm Leute wie Apple-Gründer Steve Jobs gingen; er war deren Vordenker. Einmal zeigt der Film in spielerischer Animation: Auf die Schallplatte folgte die CD. Auf das Telefon folgte das Handy. Auf das Handy folgte das Smartphone.

"Schumpeter – The Man Who Discovered Capitalism" ist ein Dokumentarfilm, der nie langweilt und in der Kürze der Zeit alles zu einem großen Ökonomen wiedergibt, was über ihn zu sagen ist. Nur kommt Kritik an dem Mann, der Krisen als nicht so schlimm betrachtete, obwohl es den Menschen in ihnen schlecht geht, zu kurz.

Detlef Sieberts Film gewann 2017 bei der 7. Verleihung des Cannes Corporate Media & TV Awards Silber in der Kategorie "Macht und Wirtschaft".

Zum Schluss ein Bonmot Schumpeters:
"Eher legt ein Hund einen Wurstvorrat an, als eine demokratische Regierung eine Haushaltsreserve."  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Schumpeter - The Man Who Discovered Capitalism  
 
Titel für den internationalen Markt: The Man Who Discovered Capitalism
Deutschland 2016
Regie & Drehbuch: Detlef Siebert;
Darsteller: Vitus Wieser u.a.;
Produzent: Philipp Hoepp; Kamera: Boyd Estus, Torbjörn Karvang, Vaughan Matthews, Stefan Thissen; Musik: Dominic de Grande; Schnitt: Andy Tohill;

Länge: 52 Minuten; FSK: nicht bekannt; deutscher Kinostart: vorerst keiner, bei vimeo erhältlich



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Zitat

"Es erscheint mir albern, dass etwas so Richtiges und Einfaches erkämpft werden muss."

("It just seems silly to me that something so right and simple has to be fought for at all.")

Schauspieler Gregory Peck (1916 - 2003) über die Rechte von Homosexuellen

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