Juni 2004

Ausbruch aus der Bedeutungslosigkeit


Schultze gets the Blues


Schultze gets the Blues "Schultze gets the Blues" ist die Geschichte über eine Infektion und den anschließenden Krankheitsverlauf. Schultze (Horst Krause) infiziert sich des nachts, über das Radio. Weil er nichts hören will, über die Häufigkeit von Lungenkrebs bei Bergarbeitern, dreht er seinen gewohnten Sender weg und stößt so auf seltsam fremde, seltsam vertraute Klänge. Aus der Musik hört Schultze sein Instrument heraus, das Akkordeon, doch was der Mann im Radio mit der vertrauten Quetschkommode macht, das ist pure Exotik. Von diesem Moment an wird der wortkarge Ostdeutsche den Sound der Südstaaten nicht mehr los. Folgerichtig geht er denn auch bald zum Arzt, doch statt ihn zu behandeln, beichtet dieser Schultze eine ganz ähnliche Infektion und singt ihm eine Oper vor.


Filmszene Autor und Regisseur Michael Schorr hat die kurze Vorgeschichte und das "Bühnenbild" in langen Kameraeinstellungen und exemplarischen Szenen aus dem Leben seiner Protagonisten an den Anfang des Films gestellt: Schultze und zwei befreundete Kollegen werden in den Vorruhestand geschickt. Die drei reiben sich an ihrer neu gewonnen Freizeit. Ihr kleiner, anhaltinischer Ort, gelegen im Schatten der Abraumhalden des Kali-Bergbaus, dümpelt in der Bedeutungslosigkeit dahin. Wenn überhaupt, dann kommt der Fortschritt so langsam in dieses Niemandsland, wie sich das Windrad dreht, einziges Anzeichen für Modernität, das mit der langsamen Drehung seiner großen Flügel die Zeit in Scheiben schneidet.

In diesem Umfeld präsentiert uns Schorr zwei Menschentypen: die konservativen Fatalisten und die suchenden Sehnsüchtigen. Die "Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht-Fraktion" lebt ihren Trott, ohne ihn zu hinterfragen. Auch Schultze ist zunächst ein typischer Vertreter dieser Spezies: er angelt, wäscht im Schrebergarten seine Gartenzwerge ab und spielt im Musikverein seit über dreißig Jahren die immer gleiche Polka. Doch die Infektion mit der Cajun-Musik, jenem Amalgam verschiedenster Musikstile, die europäische Einwanderer in die Südstaaten der USA mitbrachten, schlägt Schultze radikal der anderen Gruppe, den Sehnsüchtigen zu. Kontakte zu Schicksalsgenossen, wie dem schon erwähnten Arzt, der Altenheiminsassin Frau Lorant, die sich tapfer gegen die Gängelungen des Wach-, nein, des Pflegepersonals wehrt oder Lisa, die viel lieber in Andalusien Tänzerin wäre, als Aushilfskellnerin an der Saale, bestärken Schultze in seiner Suche, helfen ihm sich zu outen und sein Schicksal anzunehmen.

Schultze gets the BluesBis zu Schultzes Reise in die Staaten trägt der Film deutlich die Handschrift des Dokumentarfilmers Schorr. Die Bewohner einer Kleinstadt reagieren auf das Fremde und das Team hält die Kamera drauf.
"Überhöhte Realität" nennt der Regisseur das. Doch im zweiten Teil kippt der Film, sickert zunehmend das Unwahrscheinliche ein. Diesen Dreh vom Dokumentarfilm zum Märchen muss der Zuschauer mitmachen, sonst ist er für den Film verloren. Lässt er sich darauf ein, kann er miterleben, wie ein Mann in nur wenigen Tagen sein Leben der Bedeutungslosigkeit entreißt. Schultze gelingt die abenteuerliche Reise von New Braunfels/Texas bis in die Sümpfe Louisianas, seinem fremd-vertrauten Sehnsuchtsort. Dass dieses Ende nicht ins Kitschige abrutscht, verdankt der Film vor allem seinen hervorragenden Darstellern, allen voran Horst Krause, der mimisch und gestisch so präsent ist, dass er die Rolle des Schultze auch ohne seinen - ohnehin geringen - Text füllen könnte.

 
Frank Zimmermann / Wertung: * * * * (4 von 5)

Quelle der Fotos: UIP


Filmdaten

Schultze gets the Blues


Regie und Drehbuch: Michael Schorr;
Darsteller: Horst Krause, Harald Warmbrunn, Karl-Fred Müller, Wilhemine Horschig u.a.;

Deutschland 2003; Länge: 110 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von United International Pictures; deutscher Kinostart: 22. April 2004




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Schultze gets the Blues
<22.04.2004>  


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"Ich habe ein einfaches Rezept, um fit zu bleiben - ich laufe jeden Tag Amok."

Schauspielerin und Sängerin Hildegard Knef (+2002)

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