9. März 2007

Multikulti-Geschmacksnerven


Schnitzelparadies


SchnitzelparadiesRegisseur Martin Koolhoven aus Den Haag hatte sich bisher eher durch Arthaus-Produktionen etabliert. Mit der Komödie "Schnitzelparadies" zielt er erstmals auf ein breites Publikum. Die multikulturelle Besetzung wurde auf dem Niederländischen Filmfestival zu Recht mit dem Goldenen Kalb für die besten männlichen Nebendarsteller belohnt. Den jugendlichen Marokkaner Nordip zieht es in ein schäbiges Schnellrestaurant. Die dort Arbeitenden aus aller Herren Länder geraten schnell mit ihren kruden Eigenarten aneinander.


Schnell, laut und ziemlich eklig: Der 19-jährige Nordip Doenia (Mounir Valentyn) hat ein Spitzenabitur hingelegt und könnte alles studieren - auch Medizin, wie es eigentlich sein Vater (Sabri Saad El-Hamus) gern sähe. Der traditionsbewusste und gestrenge Marokkaner betreibt einen Gewürzladen und will, dass sein Sohn es einmal besser hat. Doch Nordip verspürt wenig Gelüste zu pauken. Daher heuert er erst einmal im Restaurant des Hotels "Der blaue Geier" an. Diese Touristenklitsche gibt Personal aus aller Herren Länder Arbeit, und hier darf sich Nordip erstmal mit schmutzigem Geschirr befassen. Seine Landsleute Amimoen (Mimoun Oaïssa) und Mo (Yahya Gaier) führen dem Neuling die krude Arbeitsmoral der Küche vor. Und die hat es in sich: Kein Wunder, der freakige Chefkoch Willem (Frank Lammers) favorisiert eher den Alk als die hygienischen Zustände...

Und während der serbische Hüne Goran (Tygo Gernandt) in Kettenschürze mit Beil das Fleisch zerhackt, gerät er schon mal mit dem friedliebenden Türken Ali (Gürkan Kücüksentürk) aneinander, und auch Sander (Micha Hulshof) sorgt nicht gerade für einen harmonischen Betriebsablauf. Im chaotischen und Multi-Kulti-Mikrokosmos der Schnitzelküche hat der smarte "Maroc" aber genug Zeit, um mit der hübschen Agnes (Bracha van Doesburgh) zu flirten - sehr zum Missfallen seiner Chefin Nina Meerman (Linda van Dyck). Die ist nämlich Agnes' Tante und wacht über das Wohl ihrer Nichte. Überdies schwärzt Nordips einfältiger Bruder Nadir (Mohammed Chaara) ihn beim Papa an; und der tobt natürlich...

SchnitzelparadiesMit seinem vierten Spielfilm gelang dem niederländischen Regisseur Martin Koolhoven ein deftiger Fim-Braten: Im Jahr 2005 war das schwungvolle Multikulti-Movie der besucherstärkste einheimische Kinofilm der Niederlande. Mit seiner respektlosen Filetier-Komödie traf er den Nerv vor allem des jungen Publikums, indem er mit schwarzhumorigem Witz und frechen Pommes-Buden-Pointen die Vorurteile des niederländischen Bürgertums ebenso karikierte wie die anämischen Aufstiegsträume vieler Migranten/innen und die Hoffnungen und Illusionen der illegalen Arbeitskräfte. Der 1969 in Den Haag geborene Regisseur konnte mit dieser Filmgroteske an den Erfolg der thematisch verwandten Komödie "Shouf Shouf Habibi" seines Regiekollegen Albert ter Heerdt anknüpfen, die 2004 zum erfolgreichsten einheimischen Film der Niederlande avanciert war. Wie "Shouf Shouf Habibi" bekleidet auch Schnitzelparadies seine Botschaft für Toleranz in eine parodistische Sozialromanze mit mitreißender Musik und garantiertem Märchenschluss. Die heruntergekommene Großküche, eher ein "Schnitzel-Hades" als "Schnitzelparadies", fungiert mit ihrer bunt gemischten ethnischen Belegschaft und der strikten Hierarchie gleichsam als Mikrokosmos der multikulturellen niederländischen Gesellschaft, die schon seit Jahren heftig und mit vielversprechender Erfolglosigkeit darüber debattiert, welches wohl die elegantesten Maßnahmen zur Integration der diversen Kulturen von Immigranten/innen seien. Die Stimmung erinnert an die schwedische Culture-Comedy "Jalla, Jalla!", und Koolhoven liefert ein ähnlich entspanntes Lachmuskelkino ab. Auch wenn es mit einem recht vorhersehbaren Plot ausgestattet ist: Der bösen Klamaukfalle - von der deutsche Komödien oftmals magisch angezogen werden - wird erfreulich routiniert aus dem Weg gegangen.

WELT online souffliert: "In der Multikulti-Schnitzelküche herrscht 'Krieg'; doch Humor ist noch immer eine der schärfsten Waffen, wie die temporeiche Komödie von Martin Koolhoven zeigt."

 
Jean Lüdeke / Wertung: * * * * (4 von 5)

Quelle der Fotos: Kool Film


Filmdaten

Schnitzelparadies
(Het Schnitzelparadijs)

Niederlande 2005
Regie: Martin Koolhoven;
Darsteller: Mounir Valentyn (Nordip Doenia), Bracha van Doesburgh (Agnes Meerman), Mimoun Oaïssa (Amimoen), Yahya Gaier (Mo), Tygo Gernandt (Goran), Mohammed Chaara (Nadir Doenia), Micha Hulshof (Sander), Gürkan Küçüksentürk (Ali), Sabri Saad El-Hamus (Mr. Doenia), Frank Lammers (Willem), Linda van Dyck (Nina Meerman), Porgy Franssen (Mr. Meerman), Sanne Vogel (Claudia), Nezha Karim (Mrs. Doenia) u.a.; Drehbuch: Marco van Geffen nach der Vorlage von Khalid Boudou; Produktion: Marina Blok, Joost de Vries, Leontine Petit, Monique van Welzen; Kamera: Guido van Gennep; Musik: Melcher Meirmans, Merlijn Snitker, Chrisnanne Wiegel;

Länge: 82 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih von Kool Film; deutscher Kinostart: 15.03.2007




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Schnitzelparadies
<15.03.2007>  



Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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