26.02.2017

Schimpansen

Es war einmal im Südwesten der afrikanischen Republik Elfenbeinküste. Unter der Führung des Alphamännchens Freddy lebte dort eine Gruppe Schimpansen, die sich gegen die regelmäßigen Angriffe der zwielichtigen Artgenossen rund um Scar behaupten musste. In diese gefährliche Umgebung wurde der kleine Oscar geboren, der stets auf die Hilfe seiner Mutter zählen konnte und durch das kluge Imitieren der anderen Affen täglich etwas Neues über das Schimpansen-Dasein lernte. Doch als Oscars Mutter eines Tages spurlos im Dschungel verschwand, musste der Junge um sein Überleben bangen, bis Freddy ihn adoptierte.

Über mehrere Monate hinweg filmten die Macher der Disney-Doku "Schimpansen" die Primatengruppe, in der Oscar aufwächst, und zimmerten auf der Basis der wahren Ereignisse das eingangs skizzierte Märchen. Dass der Anführer der "bösen" Schimpansen in Anlehnung an den Bösewicht aus "Der König der Löwen" (USA 1994) Scar heißt, ist kein Zufall. Durch die Musikauswahl und die Wertungen im Off-Kommentar etablieren die Filmemacher die in der Wildnis unbekannten, für eine Fabel aber relevanten Kategorien "gut" und "böse", wobei der Protagonist Oscar gemeinsam mit dem Publikum viel über die Sozialstruktur einer Affengemeinschaft, die Widrigkeiten der Futtersuche oder den richtigen Gebrauch von Werkzeugen lernt.

Es ist egal, ob es sich um einen dokumentarischen oder fiktiven Stoff handelt: Sobald eine Filmkamera im Spiel ist, entsteht eine konstruierte Realität. Schon der Standpunkt der Kamera und die Auswahl bestimmter Szenen im Schneideraum behindern den idealtypischen Anspruch, eine reine Abbildung der Wirklichkeit zu liefern. Vor diesem Hintergrund ist es keine große Überraschung, dass "Schimpansen" – wie der Primatologe Christophe Boesch unlängst im "Spiegel" erklärte – eine dramaturgisch umgearbeitete Geschichte erzählt, die in dieser Form nur ansatzweise der Wahrheit entspricht. Dem einigermaßen mündigen Zuschauer dürfte ohnehin bereits nach wenigen Minuten klar sein, dass es sich bei "Schimpansen" um ein Doku-Märchen handelt. Einen wahren Kern besitzt der unterhaltsame Film trotzdem, denn immerhin sind die Schimpansen keine Computeranimationen, und dass die Tiere beispielsweise Ameisen mit Stöcken aus einem Erdloch pulen oder gelegentlich Revierkämpfe austragen, beruht ebenfalls auf Fakten.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Schimpansen
(Chimpanzee)

Tansania/USA 2012
Regie: Alastair Fothergill, Mark Linfield;
Drehbuch: Mark Linfield, Alastair Fothergill, Don Hahn; Produzenten: Alastair Fothergill, Mark Linfield, Alix Tidmarsh; Kamera: Martyn Colbeck, Bill Wallauer; Musik: Nicholas Hooper; Schnitt: Andy Netley;

Länge: 78,21 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; Kinostart: 9. Mai 2013



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"Ich bin eine Hure, alle Schauspieler sind Huren. Wir verkaufen unsere Körper an den Meistbietenden."

("I'm a whore, all actors are whores. We sell our bodies to the highest bidder.")

William Holden

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