10.01.2001

The World Is Yours...

Scarface (1983)

Eigentlich das Remake eines Gangsterfilmklassikers von Howard Hawks aus dem Jahre 1932 mit Paul Muni in der Titelrolle, stellt De Palmas Film viel eher eine radikale Neuinterpretation des Stoffes dar. Brian De Palma liefert einen Film, dem für das Genre des Gangsterfilms eine schon fast kopernikanisch zu nennende Bedeutung zukommt.

1980: Unter den Tausenden von kubanischen Flüchtlingen, die nach Florida strömen, befindet sich auch der Kriminelle Tony Montana, der sich eine goldene Zukunft im Land der unbegrenzten Möglichkeiten erhofft. Für diese Zukunft tut Tony alles: Mit einem Auftragsmord erkauft er sich mit seinem Freund Manny die Aufenthaltserlaubnis in den USA und macht so den Drogendealer Lopez auf sich aufmerksam, der ihm eine weitere Zusammenarbeit anbietet. Sein Ehrgeiz und seine Kaltblütigkeit führen Tony schließlich an die Spitze des Kokain-Imperiums von Miami. Berauscht vom Geld, der Macht und dem Kokain begeht er jedoch einen folgenschweren Fehler...

Eigentlich das Remake eines Gangsterfilmklassikers von Howard Hawks aus dem Jahre 1932 mit Paul Muni in der Titelrolle, stellt De Palmas Film viel eher eine radikale Neuinterpretation des Stoffes dar. Ausgehend von Oliver Stones brilliantem Drehbuch, der hier nach eigenem Bekunden seinen Kokain-Konsum verarbeitet hat, liefert Brian De Palma einen Film, dem für das Genre des Gangsterfilms eine schon fast kopernikanisch zu nennende Bedeutung zukommt, und der auch 20 Jahre nach seinem Entstehen noch darauf wartet, übertroffen zu werden.

"Scarface" ist jedoch mehr als nur ein Gangsterfilm: Die gnadenlose Ausweglosigkeit mit der sich das Schicksal des Tony Montana vollzieht, erinnert an die großen griechischen Tragödien. Denn die Eigenschaften, die Tony an die Spitze des amerikanischen Drogenhandels bringen, sind dieselben, die auch seinen Niedergang und seinen Tod besiegeln. "Scarface" ist aber auch eine bittere Abrechnung mit der Kokain-Gesellschaft der frühen achtziger Jahre. In dieser Hinsicht gleicht der Film Ellis´ zehn Jahre später erschienenem literarischen Werk "American Psycho": All der Reichtum mit dem sich Montana umgibt, kann die geistige Armut, Langeweile und Dekadenz, die seinem Millionenvermögen gegenüberstehen, niemals kompensieren.

Tony, auf dem Gipfel der Welt angelangt, muss erkennen, dass er auf dem Weg dorthin alles verloren hat: Seine Ehe scheitert, seinen besten Freund erschießt er in Wut und auch seine über alles geliebte Schwester verliert er schließlich. So wartet er in seinem Palast, benebelt von einem Berg von Koks, auf das Eindringen der Privatarmee von Alejandro Sosa, einem verprellten Geschäftspartner. Am Ende, nach einem gewaltigen Feuergefecht, schwimmt Tony, von Kugeln zersiebt, im Wasserbecken des Brunnens, der die Eingangshalle seines Hauses ziert. Über ihm, als Teil des Brunnens, Tonys Lebensmotto, das nun zugleich seine Grabinschrift ist: The world is yours...

De Palmas Film zeigt den Exzess und seine Folgen in seiner ganzen Wucht, und dieser Exzess beatmet dann auch die formale Seite seines Films. Al Pacino als Tony Montana schwitzt, blutet, atmet und lebt diese Rolle. Um seine Performance richtig schätzen zu können, sollte der Film jedoch unbedingt im Original genossen werden. Pacinos Hispano-Akzent ist beinahe so legendär wie der Film selbst. Man mag ihm Overacting vorwerfen, doch dieser Tony Montana ist sprichwörtlich überlebensgroß. Aber auch die anderen Akteure liefern Glanzleistungen: Michelle Pfeiffer und Mary Elizabeth Mastrantonio legen hier den Grundstein für ihre Karrieren. Steven Bauer hat leider nach "Scarface" zu Unrecht Schiffbruch erlitten, obwohl er in De Palmas Werk sogar zeigte, wie man an Pacinos Seite bestehen kann. Robert Loggias schwacher, für diese Welt zu sanfter Frank Lopez überzeugt ebenso wie Paul Shenars eloquenter, charmanter und weltmännischer, dabei jedoch ungemein bedrohlicher Alejandro Sosa. Brian De Palmas Regie ist gegenüber seinen anderen Filmen beinahe schon zurückgenommen, was dem Film jedoch sehr gut zu Gesicht steht. Auch die Musik von Giorgio Moroder, sonst Garant für grauenvolle Synthie-Scores, muss als Gewinn betrachtet werden und fängt sowohl die tragischen Züge von Stones Drehbuch ein, als auch das Zeitkolorit der Achtziger.

Kritiker können einwenden, "Scarface" sei nur ein gigantischer Trash-Film: Die "Fucks" sind unzählbar, Koks- und Munitionsverbrauch sprengen alle Dimensionen. Das ist jedoch gerade die Stärke des Films. Brian De Palma und Oliver Stone gelingt das Kunststück, in jeder Sekunde von "Scarface" das gesamte Gangsterfilm-Genre zu bündeln. Da mag man ihm dann auch seine latent rassistischen, anti-kubanischen Ausrutscher zu Beginn des Filmes verzeihen.  

Oliver Nöding / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Scarface (1983)
(Scarface)

USA 1983
Regie: Brian De Palma; Drehbuch: Oliver Stone; Kamera: John A. Alonzo, A.S.C.; Musik: Giorgio Moroder; Produzent: Martin Bregman;
Darsteller: Al Pacino (Tony Montana), Steven Bauer (Manny Ray), Michelle Pfeiffer (Elvira), Mary Elizabeth Mastrantonio (Gina), Robert Loggia (Frank Lopez), Paul Shenar (Alejandro Sosa), F. Murray Abraham (Omar), Miriam Colon (Mama Montana), Harris Yulin (Bernstein) u.a.

Länge: 170 Minuten; FSK: nicht unter 18 Jahren.



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
Traueranzeige

verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe