08.03.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Panorama

Sand Storm


Der Sturm, den Elite Zexers Studie gesellschaftlicher und familiärer Zwänge im Titel ankündigt, wird vielleicht niemals kommen. Die weiblichen Figuren, die sich in einem Beduinen-Dorf dem drohenden Zerfall der Familie stellen müssen, sind unfähig, ihn heraufzubeschwören. Ob diese Machtlosigkeit auf gesellschaftlicher Schwäche basiert oder aber auf charakterlicher, ist die drückende Frage des harschen Spielfilmdebüts.

Sand StormDie Hauptfigur Layla (Lamis Ammar) erlebt man zuerst als selbstbewusste junge Frau, die selbst ihr Leben lenkt. Dafür steht das Steuern des Wagens, den sie zu einer Hochzeitsfeier in ihr Heimatdorf fährt. Ihr Vater Suliman (Hitham Omari) sitzt auf dem Beifahrersitz und fragt nach ihren Noten an der Universität. Doch die Freiheit der jungen Studentin ist trügerisch. Darauf verweisen schon früh dezente Warnzeichen, die selbst Layla bisher entgangen sind. "Mach die Augen auf!", rät ihre Mutter Jalila (Ruba Blal). Doch Layla will nicht sehen, was um sie herum geschieht. Als sie und ihr Vater vor dem Haus der Familie halten, haben beide die Plätze getauscht. In der Gemeinde ist Suliman Oberhaupt der Familie, die nur aus weiblichen Mitgliedern besteht. Durch die Hochzeit ist ein weiteres hinzugekommen: Sulimans Zweitfrau. Layla beobachtet die Trauung ebenso skeptisch wie ihre Mutter. Doch wo bei der ältesten der Töchter Unverständnis dominiert, herrscht bei Jalila pragmatische Gewissheit: Ihr Mann wird nie mit den archaischen Machtstrukturen brechen und die Zukunft, die sie sich für ihre Töchter erhofft, sich nie erfüllen. Gezielt manipuliert die Regisseurin die Sympathien des Publikums, indem sie die Mutter anfangs als strengeren Elternteil darstellt.

Sand Storm Als Jalila dahinter kommt, dass ihre Tochter an der Universität einen Freund hat, verbietet sie jeden Kontakt. Layla widersetzt sich einer solchen Bevormundung und glaubt fest an die Unterstützung ihres Vaters. Der aber ist empört, als sie den Freund aus einem anderen Stamm mit nach Hause bringt und ihn um seine Unterstützung in Hochzeitsverhandlungen bittet. Die Mahnungen der Mutter enthüllen sich als prophetisch: Suliman kündigt an, Layla so bald wie möglich an einen respektablen Mann aus dem Dorf zu verheiraten. Layla lehnt ab und findet unerwarteten Beistand bei Jalila. Kaum, dass die zweite Frau eingezogen ist, verbannt der erzürnte Suliman die erste. Doch die eigentliche Eskalation der Situation steht weiterhin aus. Der Ausfall des Generators, der Jalila und ihre Töchter im Haus der ersten Ehefrau ohne Strom dastehen lässt, steht symbolisch für ihre Aktionsunfähigkeit. Die Frauen mögen in der Familienkonstellation, die das Figurendrama kritisch betrachtet, auf den ersten Blick relativ selbstständig erscheinen. Wie sehr dieser oberflächliche Eindruck täuscht, muss die Hauptfigur am eigenen Leib erfahren. Die Entscheidungsmacht liegt bei den Männern. Allerdings macht Zexer nicht deutlich, was ein Verstoß gegen das Regelwerk für Folgen hätte.

Suliman behauptet immer wieder, er müsse so handeln, wie er es tut. Ob dahinter eine reale gewalttätige Bedrohung durch die anderen Mitglieder der Gemeinde steckt oder lediglich das starre Festhalten an Normen, bleibt offen. Letztlich suggeriert Zexer, sind es gar die Frauen selbst, die vor dem Bruch mit der Familie zurückschrecken und so die Mauern ihres Gefängnisses zementieren. Tieferer dramaturgischer Einblick in die sozialen Hintergründe wäre hier entscheidend gewesen.  

Lida Bach / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Vered Adir

 
Filmdaten 
 
Sand Storm (Sufat Chol) 
 
Israel 2015
Regie & Drehbuch: Elite Zexer;
Darsteller: Lamis Ammar (Layla), Ruba Blal-Asfour (Jalila), Haitham Omari (Suliman), Khadija Alakel (Tasnim), Jalal Masarwa (Anuar) u.a.;
Produzenten: Haim Mecklberg, Estee Yacov-Mecklberg; Kamera: Shai Peleg; Musik: Ran Bagno; Schnitt: Ronit Porat;

Länge: 88 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Der Film im Katalog der Berlinale
<08.03.2016>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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