24.08.2011

Broken Flowers

Sampaguita, National Flower

Wunderschön ist die "Sampaguita, National Flower" der Philippinen. Schimmernd, exotisch und duftend symbolisiert die Blume das Land. Beide beobachtet Francis Xavier Pasion in seinem halb-dokumentarischen Beitrag bei Berlinale Generation. Einen Tag und eine Nacht begleitet der Regisseur seine kindlichen Protagonisten, deren Schicksal auf tragische Weise mit dem der Blume verbunden ist. Mehr Zeit beleibt den jungen Charakteren nicht, um die Sampaguita zu verkaufen. An einem Tag verwelkt die Blüte und mit ihr die Illusionen über die Alltagsrealität einer Kindheit auf den Philippinen.

Die Kamera folgt Rinalyn, Maya, Marlon und den übrigen Kindern durch die stickigen Straßen der Großstadt. Hektisch, schwül und laut ist hier die Szenerie, die zu Filmbeginn noch ländlich und still war. Das Klischee vom farbenfrohen und lebendigen Urlaubsparadies ironisiert bereits der Vorspann mit einem parodistischen Abgesang auf den Nationalstolz. Das Nationaltier gibt es hier nur noch als Statue, der Nationaltanz dient der Touristenunterhaltung, in der aus Holz gefertigten Nationalhütte wohnen nur die Armen. Draußen ist es dunkel, als Marlon aufsteht, noch bevor der Radiomoderator "Guten Morgen" gerufen hat. Das "gut" gleich vier Mal hintereinander – vermutlich ist das, was da läuft, Nationalradio.

Leben ohne Blüte

Vor Sonnenaufgang beginnt die Ernte der Sampaguita. Zeit ist Geld. Umso frischer die Blüten, umso besser lassen sie sich verkaufen. Lieber würde Rinalyn zur Schule gehen, um später einmal Ärztin zu werden. Stattdessen muss sie ihrer kranken Mutter beim Pflücken helfen und die Blütenernte später in der Stadt verkaufen. Zwischen den Stauden sieht sie einen verwesenden Nationalvogel liegen. Den kleinen Leichnam bedeckt Rinalyn mit den Sampaguita-Blüten. Ein Grab aus toten Nationalblumen für den toten Nationalvogel: Die Bilder Francis Xavier Pasions sind harsch und unmittelbar, ihre Symbolik unmissverständlich. Dramaturgischer Stilmittel bedient sich "Sampaguita, National Flower" nur vereinzelt zu Beginn der Handlung. Die grelle Jesus-Ikone bewegt sich nicht, als Ronalyn ihr ein Dokument hinhält, dass unterschrieben werden muss. Es ist eine Einverständniserklärung, damit sie ins Waisenhaus darf. Dort gibt es eine Schulausbildung, kostenloses Essen und ein Bett zum Schlafen – mehr als die meisten der kleinen Blumenverkäufer bei ihren Familien haben.

Bis zur Erschöpfung streifen die Kinder durch die Straßen, die Blumen anpreisend, bettelnd und auf der Jagd nach erbettelten Süßigkeiten oder geschenktem Fast Food. Die Nacht in Begleitung der Kamera ist eine gute Nacht für die Protagonisten. Mehrfach erhalten sie großzügige Essensgeschenke. Einmal hält sogar ein Auto, um durch ein heruntergefahrenes Fenster volle Tüten zu verteilen. Passanten verhalten sich anders, wenn eine Filmcrew sie aufnimmt. Wer will schon ein bettelndes Kind abweisen, wenn es später im Fernsehen oder Kino zu sehen ist? Vielleicht sogar auf einem großen Filmfestival. Die Gesichter der Erwachsenen sieht man selten. Die Grenzen zwischen gestellten und authentischen Szenen verschwimmen. Für kindliche Zuschauer sind sie vermutlich noch schwerer zu ziehen als für erwachsene.

Ein anderes Auto öffnet sogar seine Tür. Eines der Kinder steigt ein und der Wagen fährt fort. Vorsichtig vor den Leuten sein, die Kinder fangen, hat ihre Mutter gesagt, erzählt ein Mädchen: "Sie nehmen die Niere." Oder anderes, das den Kindern niemand wiedergeben kann. Der Mangel an Differenzierung zwischen nachgestellten und dokumentarischen Szenen gibt "Sampaguita, National Flower" eine zwiespältige Seite. Die bittere Wahrheit hinter der semi-fiktionalen Reportage behält dennoch ihre niederschmetternde Tragik. Die Dornen der "Sampaguita" sind unsichtbar. Doch sie stechen bis aufs Blut.  

Lida Bach / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Sampaguita, National Flower
(Sampaguita)

Philippinen 2010
Regie: Francis Xavier E. Pasion;
Produktion: Josabeth Alonso; Ausführende Produktion: Josabeth Alonso, John Victor Tence; Co-Produktionen: Quantum Films, Makati City; Pasion Para Pelicula Productions, Quezon City; Voyage Studios, Mandaluyong; Kamera: Neil Daza; Musik: Paulo Tirol; Schnitt: Chuck Gutierrez;

Länge: 78 Minuten; ein Film in der Sektion Generation KPlus der Berlinale 2011



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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