24.07.2013
Ziellose Suche

Sâdhu
- Auf der Suche nach der Wahrheit


Sâdhu - Auf der Suche nach der Wahrheit "Ständig ruft die Außenwelt", sagt Suraj Baba in seiner Berghöhle in 3000 Metern Höhe im Himalaya. Acht Jahre hat der asketische Sâdhu widerstanden, nun verlässt er die meditative Abgeschiedenheit und pilgert zu seiner ersten Kumbh Mela. Das größte Fest des Hinduismus führt alle 12 Jahre Millionen Gläubige an die Ufer des Ganges und den Titelcharakter von Gaël Métroz' Pilgerbericht auf eine existentielle Suche. Zerrissen zwischen säkularer und spiritueller Welt, sinniert er über wahre Heiligkeit und die eigene Befähigung dazu: "Bin ich ein Sâdhu oder nicht? Bin ich ein Sâdhu oder ein menschliches Wesen?"

Der französische Dokumentarfilmer, den das Thema bereits 2008 während der Arbeit an seinem letzten Kinofilm "Land der Nomaden" beschäftigte, führte nicht nur Regie, sondern die Kamera und verfasste außerdem das Script. Wie weit es den Weg des Protagonisten vorzeichnet, wie sehr es ihn darauf lenkt oder ob es ihn gar davon abbringt, verliert sich mit den Spuren Suraj Babas im Sand. Dort schließt der letzte der drei Akte, die grob das Geschehen strukturieren, mit einer obskuren Allegorie auf Sinnsuche und das Alleinsein. Vielleicht meint sie, der einzelne sei nur ein Sandkorn in einer Wüste, oder das Sandkorn-Paradox, das für einen vagen Begriff wie den des Sâdhu keine konkreten Schritte zu dessen Erreichen zulässt. Vielleicht sieht man sie auch am besten einfach als Sinnbild dafür, dass Métroz sein Filmvorhaben in den Sand gesetzt hat. Der Titel suggeriert das Porträt eines Lebensentwurfs, der Fokus auf eine einzelne Figur das Porträt eines Menschen, der Zusatz "Auf der Suche nach der Wahrheit" das Porträt einer Geisteseinstellung. Doch die fahrige Kamera, die im Menschengetümmel während der Kumbh Mela so überfordert wirkt wie in der Abgeschiedenheit der Höhle, erfasst buchstäblich kein klares Bild, weder von einer Persönlichkeit, noch einer Gesellschaft oder einem Glauben.

Sâdhu - Auf der Suche nach der Wahrheit Von der vielseitigen Materie bleiben nur Skizzen der Gespräche und Zwischenstopps zweier Rucksackreisender, von denen man einen nie zu Gesicht bekommt. Dass der Regisseur die eigene Gegenwart kaschiert, soll die Authentizität des Gesprochenen und Intimität der Situationen unterstreichen, doch hat den gegenteiligen Effekt. Der Eindruck, Suraj Baba wende sich direkt an den Zuschauer gibt dem Film eine essayistische Künstlichkeit, die der Betonung auf Echtheit zuwiderläuft. Vermutlich tut man wohl daran, die Reportage-Route in ihrer Genauigkeit anzuzweifeln. Im Presseheft ergänzt Métroz etwa, dass sein Protagonist nicht von allein zu der Reise aufbrach, sondern angeregt durch ihn. Er sei von Suraj Baba gebeten worden, ihn zur Kumbh Mela mitzunehmen, er erfuhr mit ihm alle Erschöpfungen und Entbehrungen der Pilgerreise, er drehte den Film, der Suraj Baba erkennen ließ, dass er kein gewöhnlicher Sâdhu sei. "Ich war der erste Freund, den er in acht Jahren hatte!", behauptet Métroz mit einer beachtlichen Portion Selbstschmeichelei und einer Spur Selbstrechtfertigung.

Wenn man sich nicht fragt, wie viel künstlerisches oder kommerzielles Kalkül hinter solchen Impulsen steckt, dann zumindest, wie genuin die Motivationen des Protagonisten noch sind. "Auf der Suche nach der Wahrheit" verliert das unergiebige Pilgerkino das eigene Ziel aus den Augen und sucht vergebens einen inhaltlichen Fixpunkt. "Es ist eine schwierige Reise", artikuliert der Titelprotagonist, was dem Zuschauer trotz moderater 87 Minuten Laufzeit quälend bewusst wird: "Manchmal wird dir langweilig." Am Ende steht man intellektuell ähnlich dem unentschlossenen Sâdhu "noch immer mitten im Nirgendwo". Doch alle müssten nun ihren eigenen Weg gehen, meint Suraj Baba: "Es fühlt sich seltsam an." Und irgendwie erlösend.  

Lida Bach / Wertung: * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos:  Arsenal Filmverleih

 
Filmdaten 
 
Sâdhu - Auf der Suche nach der Wahrheit (Sâdhu) 
 
Schweiz / Indien 2012
Regie: Gaël Métroz;
Produzenten: Francine Lusser, Gérard Monier; Kamera: Gaël Métroz; Musik: Julien Pouget; Schnitt: Thomas Bachmann;

Länge: 91,17 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Arsenal Filmverleih; deutscher Kinostart: 22. August 2013



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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