21.06.2000

Romance

Catherine Breillats Romance erzählt von sexuellen Beziehungen aus der Sicht einer Frau. Der Film sorgte in Frankreich für heftige Debatten. Er hat pornografische Züge und widmet sich seinem Thema doch ernsthaft.

Filmplakat Romance Die "Filmwoche" schrieb zum deutschen Kinostart des französischen Films "Eine pornografische Beziehung" im März 2000, dass der Titel eigentlich ausgetauscht gehört. Gegen den Titel eines ein viertel Jahr später in den deutschen Kinos startenden Films, ebenfalls aus Frankreich, nämlich "Romance". "Eine pornografische Beziehung" handelt zwar von dem Ausleben sexueller Gefühle zweier Menschen, die einander außer auf dem Gebiet der Erotik nicht kennenlernen wollen, doch wird die in diesem Film gezeigte Beziehung zur Romanze, zur Liebe. In "Romance" hingegen wird dem Zuschauer Sex direkt geboten, explizit. Sex einer Frau, die keineswegs eine Romanze sucht - und auch nicht findet-, sondern die körperliche Nähe. Catherine Breillat hat zwar einen Film gedreht, der pornografische Szenen enthält. Aber Interesse am Thema und künstlerischer Anspruch sind ihr nie abzusprechen. "Romance" ist keineswegs für Pornokinos gedacht.

Die junge Marie (Caroline Ducey) ist mit Paul (Sagamore Stévenin) liiert. Ihre erotischen Wünsche stoßen bei ihm auf Ablehnung. Seine Beziehungen, so erklärt er emotionslos, verlaufen immer so, dass ihn die Erotik bald - nach einer Woche, spätestens nach drei Monaten - nicht mehr fasziniert. Marie ist irritiert, denn sie macht ihn sogar immer noch an. Aber er will eben nicht. Seine asexuelle Haltung ist ihr zu wenig, sie will nicht nur eine rein platonische Beziehung. Um sexuell befriedigt zu werden, lässt sie sich auf Zufallsbekanntschaften ein. Die reichen vom einsamen Bargast Paolo (der Pornodarsteller Rocco Siffredi) über den unbekannten Vergewaltiger bis zu ihrem sadomasochistisch veranlagten Chef Robert (Francois Berléand).

Obwohl der Film sich über Tabus hinwegsetzt, so unterscheidet sich "Romance" doch von den Filmen in den hinteren Bereichen einer Videothek. Die Regisseurin nimmt das Thema, das sie für "Romance" gewählt hat, ernst. Dies wird in erster Linie durch die optische Gestaltung des Films erreicht. Der Film bietet Ansichten, wie sie sonst nur gute Maler erzeugen, die Gefühle und Haltungen der Protagonisten werden in durchkomponierten Bildern und Farben ausgedrückt.
Das Interieur in Pauls Wohnung: Weiß, kalt, steril wie ein Krankenhauszimmer. So ist auch Paul: Er ist gefühlskalt, er will Maries Anliegen, begehrt zu werden, nicht beachten.
Paolos Bett, in dem ihren Wünschen entsprochen wird: Es ist hellbraun bezogen, hautfarben, keine Abgrenzung zum Fleisch von Marie und Paolo, das seinerseits ineinander übergehen wird.
Robert ist schwarz-rot gekleidet. Die gleichen Farben herrschen in seiner Wohnung vor. Die Farben sind Chiffre seiner Begierde, Marie zu fesseln.

Ein Schwachpunkt des Films sind die Dialoge. Sie sind sehr literarisch und wirken hölzern, manchmal auch schlichtweg langweilig. Der Eindruck entsteht, als wären sie direkt aus dem Drehbuch abgelesen. Es mag an Catherine Breillats zweitem großen künstlerischen Betätigungsfeld liegen: Sie ist Dichterin. Leider hat sie als Meisterin des gedruckten Wortes selten das Gefühl für im Film vorgetragene Sätze.
Als Schriftstellerin schrieb sie mit 17 Jahren einen Roman, der eine Altersfreigabe ab 18 Jahren erhielt. Dementsprechend unangepasst ging sie auch bei "Romance" vor: Für ihren filmischen Diskurs in Sachen Sex und Liebe wagte sie den Affront. Dass der Pornostar Rocco Siffredi mitwirken würde, hielt sie bis kurz vor Drehbeginn geheim, damit das Projekt nicht scheitert.
Wie die Dialoge, so wirkt auch das Ende des Films klischeehaft-gekünstelt. Aber alles in allem ist "Romance" ein besonderer Beitrag zur Filmkunst, ein Werk, das durch seine poetischen Bilder noch lange in Erinnerung bleibt.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5)

Quelle des Filmplakats: Kinowelt


Filmdaten

Romance
(Romance)
Frankreich 1998 / 1999
Regie und Drehbuch: Catherine Breillat;
Produktion: Jean-Francois Lepetit; Kamera: Yorgos Arvanitis; Musik: D.J. Valentin, Raphael Tidas;
Darsteller: Caroline Ducey (Marie), Sagamore Stévenin (Paul), Francois Berléand (Robert), Rocco Siffredi (Paolo) u.a.

Länge: 95 Minuten; FSK: nicht unter 18 Jahren; deutscher Kinostart: 15. Juni 2000



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