6. September 2001

Ein Knappe ohne Furcht vorm Adel

Ritter aus Leidenschaft

Ritter aus Leidenschaft Die Erfüllung des amerikanischen Traums "vom Tellerwäscher zum Millionär" war schon immer ein Thema für Hollywood. Das Motiv in einem Film mit mittelalterlichem Sujet zu verwenden, ist neu. So träumt in "Ritter aus Leidenschaft" der junge Knappe William Thatcher (Heath Ledger) zunächst vergeblich davon, den ritterlichen Lanzenkampf auf Turnierfeldern mit auszutragen, denn er ist nicht von adligem Geschlecht. Als sein Ritter vor einem Turnier stirbt, übernimmt William kurzerhand seinen Platz - und zeigt, was er kann. Mit Hilfe seiner Freunde, einer intensiven Ausbildung und des blaues Blut suggerierenden Pseudonyms Ulrich von Lichtenstein aus dem fernen Gelderland ist er bald der Star der Ritterturniere. Wäre da nicht Graf Adhemar (Rufus Sewell), Williams großer Rivale um den Titel des Gesamtsiegers - und um die Gunst des schönen Edelfräuleins Jocelyn (Shannyn Sossamon).

Brian Helgelands Komödie enthält zwar erfrischend innovative Ideen, macht es sich aber mit den Charaktisierungen seiner Filmfiguren viel zu leicht. Der Kampf Gut gegen Böse auf den Turnierplätzen zwischen Rouen und London wird im Film nicht zur ernsthaften Konfrontation, was Spannung garantieren würde, sondern ist zu einfach und vorhersehbar auf die typischen Unterhaltungswerte des Mainstream-Kinos zugeschnitten.

Wie stellen sich die Amerikaner das Mittelalter vor? Schließlich fängt die Geschichte der Vereinigten Staaten erst mit Kolumbus an. Auf US-amerikanischem Boden gibt es nur die Ritterburgen in Freizeitparks, und die wirken wie König Ludwigs Schloss Neuschwanstein abgeschaut - freilich auch das kein mittelalterliches Bauwerk, sondern eine Kopie. Daher ist es äußerst humorvoll und eine gelungene Inspiration für eine Komödie, wenn Regisseur Helgeland das in "Ritter aus Leidenschaft" gezeigte Mittelalter-Szenario an den Stellen im Film mit Anachronismen ironisiert, an denen es durch klischeehaft altbackene Mittelalter-Imitationen verzerrt werden könnte: Der Turnierplatz wird zum Sportfeld, die Lanzenkämpfer betreten ihn zu den Klängen von Queens "We will rock you" oder Thin Lizzys "The Boys are back in town", die Fans, Schlachtenbummler im wörtlichsten Sinne, feuern ihre Lieblingsritter an, der Sieger weckt das Interesse der Frauen... Solch gelungene Einfälle machen den Wert eines Films aus, und Helgeland verpasst in der Hinsicht nie die Gelegenheit, seiner Komödie eine eigene Note zu geben. Nur Ritterburgen sieht man in den 134 Minuten Laufzeit des Films nie.

Ritter aus Leidenschaft Regisseur Brian Helgeland, Oscar-Preisträger für das Drehbuch zum Kriminalfilm "L. A. Confidential", stellt die Identifikation des Zuschauers mit der Hauptfigur William ganz oben an. Damit das aber so ist und in jeder Minute des Films unmissverständlich klar bleibt, erhält das Drehbuch allzu fest gezurrtes Zaumzeug wie ein Turnierpferd vor der Schlacht, so fest gezurrt, dass das Drehbuch im Konventionellen stecken bleibt. Der gut aussehende Held ist eindimensional wie ein platt gezeichneter Comic-Charakter und trifft auf eben solche, Williams Kontrahent Adhemar schaut von Zeit zu Zeit finster und plant gegen William ebenso Finsteres, damit das herkömmliche Gut-gegen-Böse-Schema stimmt, Dramatik wird künstlich erzeugt. Es geht, wie sollte es anders sein, um die schöne Frau, die es durch Erfolge zu erobern gilt, während Ulrich nie als William auffallen darf, da das Lügengebäude zusammenfallen würde - ein Motiv, das als Botschaft den Film wie eine Moralkeule durchzieht. Dem von Geburt Benachteiligten soll eine Chance auf gleichberechtigtes Dasein gegeben werden, da er doch genauso zu Erfolgen berechtigt ist und sie wirklich vorweisen kann. Welch sonderbare Form der von der Gesellschaft gewünschten Ebenbürtigkeit: Er möchte der Elite gleich sein, in sie aufgenommen werden, nach oben rücken. Das Ende des Films wird dazu, vorhersehbar, es ist eine Komödie, William aus der notdürftig errichteten Klammer der Unwahrheit befreien. Dem Zuschauer soll das Drehbuch nicht weh tun, aber genau das tut es, da es gerade in den Film-Sequenzen das Publikum zu einschneidend in konventionelle Strickmuster fesselt, in denen es mit inhaltlicher Spannung fesseln könnte. Wenn aber Robbie Williams das als Motivations- und Stimmungssong immer noch große Lied "We are the Champions" mit den nach Freddie Mercurys Tod verbliebenen Queen-Mitgliedern neu auflegt, dann weiß man, dass der Film vor allem ein Erfolg an den Kino-Kassen sein will. Und das so angesprochene Publikum wird sich nicht zu fragen bemüßigt fühlen, warum einer der Gehilfen Williams, ein abgebrannter Gelegenheitsdichter, aber rhetorisch cleverer Fan-Einpeitscher (Paul Bettany), Geoffrey Chaucer heißt.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * (2 von 5)

Quelle der Fotos: Columbia TriStar


Filmdaten

Ritter aus Leidenschaft
(A Knight's Tale)

USA 2001
Regie & Drehbuch: Brian Helgeland;
Produktion: Brian Helgeland, Tim van Rellim, Todd Black; Kamera: Richard Greatrex; Künstlerische Gestaltung: Tony Burrough; Ausstattung: Mark Kebby; Kostüme: Caroline Harris; Schnitt: Kevin Stitt; Musik: Carter Burwell; Kampszenen-Choreographie: Paul Weston; Stunt-Koordination: Martin Hub; Künstlerische Leitung: John Hill;
Darsteller: Heath Ledger ("Der Patriot"; "Zehn Dinge, die ich an dir hasse"; William Thatcher), Mark Addy ("Einmal Himmel und zurück"; Roland), Rufus Sewell ("Dark City"; Graf Adhemar), Shannyn Sossamon (Jocelyn), Paul Bettany ("Gangster No. 1"; Geoffrey Chaucer, der spätere Dichter der "Canterbury Tales"), Laura Fraser ("Starkey"; Kate), Alan Tudyk (Wat), Berenice Bejo (Christiana), Scott Handy (Germaine), James Purefoy (Colville), Leagh Conwell (junger William), Christopher Cazenove (John Thatcher), Steve O'Donnell (Simon), Jonathan Slinger (Peter) u.a.;
Länge: 134 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von ColumbiaTristar; deutscher Kinostart: 6. September 2001



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"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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