23.04.2011
Wer fürchtet sich vor Valeries Wolf?

Red Riding Hood


Red Riding Hood Wenige kannten den Namen des Ortes, doch viele wussten um die schrecklichen Ereignisse, die sich dort zutrugen, raunt düster der Vorspann. Dank Catherine Hardwicke kennen sie nun noch mehr und schrecklich sind sie wahrhaftig. Nicht nur in ihrer Unkenntnis des Rotkäppchens ist die Regisseurin eine der wenigen, nein, sie zählt auch zu jenen, die den "Namen des Ortes" kannten: Daggerhorn.

Die junge Valerie (Amanda Seyfried) steht vor der schweren Entscheidung, ob sie den attraktiven Holzfäller Peter (Shiloh Fernandez) heiraten soll oder den gutaussehenden, reichen Henry (Max Irons), dem ihre Eltern Cesaire (Billy Burke) und Suzette (Virginia Madsen) sie versprochen haben. Doch der ortseigene Werwolf, den die Dorfbewohner gleich einem Haushund mit Opferschweinen mästen, reißt Valeries Schwester. Prompt steht Hexenjäger Pater Solomon (Gary Oldman) ante portas, mit fremdländischer Eskorte und einem heizbaren Metallelefanten, in dem Werwolf-Freunde geschmort werden. Erkennungszeichen für wölfisches Gemüt sind laut Pater Solomon Interesse an schwarzer Magie, ungewöhnliches Verhalten, Einsamkeit und seltsame Gerüche.

Red Riding Hood: Amanda Seyfried Ist der Bekannte, der immer schwarz trägt, einsam Evanescence hört und überall Räucherstäbchen entzündet, ein Werwolf? Nur wenn er braune Augen hat, weiß die blonde, blauäugige Valerie aus einer Vision. Ungünstigerweise haben dies alle außer ihr, auch die von Julie Christie gespielte Großmutter, von der Valerie ihr rotes Standardoutfit hat. Selbst Christie und Oldman können dem kruden Pseudo-Grusel, die Teenager-Romanze mit den psychologischen Interpretationen Sigmund Freuds und Bruno Bettelheims verbinden will, keine Glaubhaftigkeit verleihen. Neben den schematischen Charakteren leidet die Handlung unter den albernen Requisiten: braune Kontaktlinsen für das gesamte Ensemble bis auf Seyfried, lachhafte Kulissen und ein auf unerklärte Weise durch Wald und Schnee herangeschleppten Metallelefanten. Der Elefant ist am aufdringlichsten: versuchen Sie nicht an den Metallelefanten zu denken, wenn Sie sich vornehmen, nicht an den Metallelefanten zu denken. Perfider ist das Motiv der Braunäugigkeit, das Unschuld und Reinheit mit einem an das arische Ideal erinnernden Äußeren gleichsetzt, während "dunkles" Aussehen kriminalisiert wird.

Red Riding Hood: Amanda Seyfried, Billy Burke, Virginia Madsen Die Endkonstellation kopiert "Red Riding Hood" unübersehbar von Neil Jordans "Die Zeit der Wölfe" ("The Company of Wolves", 1984). Der Triumph der animistischen Natur über Aberglaube und rigide gesellschaftliche Moral jedoch wird ins Gegenteil verkehrt. Besonders sinnfällig formulierte sie Perrault: "Kinder, insbesondere attraktive, wohl erzogene, junge Damen, sollten niemals mit Fremden reden, da sie in diesem Fall sehr wohl die Mahlzeit für einen Wolf abgeben könnten." In ihrer Bigotterie verkennt Hardwicke die doppelbödige Ironie von Perraults Sentenzen. Sein süffisanter Ton, der ausführliche, zweideutige Wortwechsel zwischen Rotkäppchen und dem Wolf und der sexuell konnotierte Höhepunkt weisen „Le Petit Chapron Rouge“ mehr als erotische Erwachsenenlektüre denn als Kindermärchen aus. Prüderie und Sexualfeindlichkeit, welche Perraults Lehre parodiert, verschärft die Neuverfilmung. Wer sich nicht der Gesellschaft unterwirft wird aus ihr getilgt. Verlässt Valerie das Dorf, überschreitet sie sinnbildlich die Grenze zwischen Zivilisation und amoralischer Wildnis. Wer sich hier aufhält ist Freiwild und den Naturtrieben, eigenen und fremden, schutzlos ausgeliefert. Ob die Übertretung unabsichtlich, durch physischen Zwang oder einmalig erfolgt, ist gleichgültig. Jenseits der kulturellen Trennlinie gibt es kein Zurück mehr. Auf Rückkehr steht der Tod.

Red Riding Hood: Max Irons, Amanda Seyfried Peter und Valerie entgehen ihm, weil sie freiwillig die Gemeinschaft verlassen. Ihre Beziehung zementiert die Klassengrenzen, die eine Hochzeit Valeries mit Henry aufgebrochen hätte. Valeries Eltern werden für das Ansinnen mit dem Tod bestraft. Die ehebrecherische Suzette, Adrian und die illegitime Lucy werden gerichtet von Cesaire. Seinem Vorbild folgt Valerie, wenn sie sich gegen ihre Großmutter, ihren Liebsten und schließlich mörderisch gegen ihren Vater wendet. Verwandte ins Jenseits zu befördern ist in "Red Riding Hood" Beweis für außergewöhnliches Heldentum. Deshalb brüstet sich Solomon ermüdend häufig mit dem Mord an seiner Ehefrau und Mutter seiner Kinder, die sich von mittelalterlicher Hausfrauenpflicht mit Lykanthropie erholte. Cesaires Erbe, das Valerie oberflächlich betrachtet ablehnt, empfängt sie in Wahrheit mit offenen Armen. Das höchste der Gefühle, romantisch oder familiär, ist Moralgehorsam. Durchgesetzt wird er wortwörtlich mit eiserner Hand. Darin zumindest wird "Red Riding Hood" der Bezeichnung Horrorfilm gerecht.  

Lida Bach  / Wertung:  0 von 5 
 

Quelle der Fotos: Warner Bros.

 
Filmdaten 
 
Red Riding Hood (Red Riding Hood) 
 
USA 2011
Regie: Catherine Hardwicke;
Darsteller: Amanda Seyfried (Valerie), Gary Oldman (Pater Solomon), Billy Burke (Cesaire), Shiloh Fernandez (Peter), Max Irons (Henry), Virginia Madsen (Suzette), Lukas Haas (Pater Auguste), Julie Christie (Großmutter) u.a.;
Drehbuch: David Leslie Johnson; Produktion: Jennifer Davisson Killoran, Leonardo DiCaprio, Julie Yorn; Ausführende Produzenten: Jim Rowe, Michael Ireland, Catherine Hardwicke; Kamera: Mandy Walker; Musik: Brian Reitzell; Schnitt: Nancy Richardson, Julia Wong;

Länge: 99,38 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Warner Bros.; deutscher Kinostart: 21. April 2011



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Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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