05.03.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Generation Kplus

Rauf


Was ist Pink für eine Farbe? In dem kurdischen Dorf, in dem der 11-jährige Rauf aufwächst, scheint sie nirgendwo zu finden zu sein. Auf jeden Fall sei Pink eine mädchenhafte Farbe, sagen seine beiden Kumpel und ein Marktverkäufer in der Stadt, wo Rauf nach pinkem Stoff sucht, wundert sich sogar: Was will ein Junge mit einer Mädchenfarbe?

RaufFür das Regie-Duo Soner Caner und Baris Kaya ist die Antwort klar: das Herz seiner Angebeteten erobern! Alles andere ist in der begrenzten Welt des türkischen Kinderdramas wohl undenkbar und wird niemals angesprochen. Doch die Äußerungen über die unverrückbare Geschlechterzuordnung von Pink wecken zumindest in älteren Zuschauern die Frage, was denn so schlimm wäre, wenn Rauf (Alen Hüseyin Gürsoy) für sich selbst etwas Pinkes wollte und wie sein Umfeld reagieren würde? Seine beiden kleinen Kumpel aus der Schule führen sich jedenfalls gern auf als gehörten sie schon zu den Männern des Ortes. Beim Werben um die schöne Zana (Seyda Sözüer) unterstützen die zwei ihren Freund natürlich. Doch das ältere Mädchen bemerkt Raufs Aufmerksamkeiten kaum. Stattdessen liest sie mit ernster Miene Briefe, die sie vor ihrem alten Vater versteckt. Raufs Freunde sind sich sicher, was dahinter steckt: Ein Mädchen bekommt nur Briefe von ihrem Geliebten! Doch wer könnte das in dem entlegenen Bergdorf sein? Die jungen Männer werden entweder zum Wehrdienst eingezogen oder sind in die Berge aufgebrochen, um sich den Partisanen anzuschließen. Auch Raufs Bruder Metin ist vor langer Zeit fortgegangen und ihre Mutter verliert die Hoffnung, dass ihr Sohn je zurückkehrt.

Rauf Manche kommen aus den Bergen wieder, doch sie sind kalt und leblos. Zu Filmbeginn betrauern Mitglieder der Gemeinde einen der gefallenen Widerstandskämpfer. Auf stille Weise zeigen die Filmemacher Caner und Kaya, wie die Kampfhandlungen den Alltag der Dorfbewohner immer mehr überschatten. In der Schule soll ein Veteran den Kindern von seinen Einsatz im Koreakrieg erzählen. Doch für Rauf ist die Schulzeit ohnehin vorbei, lieber soll er bei Zanas Vater das Schreinern lernen. Fast jeden Tag kommen gramgebeugte Kunden und geben einen Sarg in Auftrag. In kindlichen Ritualen versuchen die jungen Figuren den allgegenwärtigen Tod zumindest aus ihrer kleinen Welt zu verbannen. Rauf bastelt seinen Freunden eine Vogelscheuche, um die Füchse vom Hühnerstall fern zu halten. Doch das Blutvergießen lässt sich nicht so leicht verhindern, weder im Stall, noch außerhalb der kleinen Dorfwelt. Rauf weiß das, wenn seine Mutter nachts um Metin weint und die Großmutter Tag für Tag am Berghang sitzt und vergebens nach dem Enkel Ausschau hält. Bald wird er selbst Grund haben, mit der alten Frau zu warten. Die bisweilen überbordende Musik kündet von tragischen Ereignissen, doch die gehen in eine andere Richtung, als zu erwarten.

Es ist diese ungewöhnliche Wendung, die den Film von zahlreichen ähnlichen Werken, die jedes Jahr bei Berlinale Generations laufen, abhebt. Nicht nur gewinnen die Figuren dadurch an Tiefe, das recht melodramatische Ende bekommt tatsächlich etwas Anrührendes. Trotz kleiner Schwächen bringt das Spielfilmdebüt so frische Farbe in den Kinderfilmwettbewerb.  

Lida Bach / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Baris Kaya

 
Filmdaten 
 
Rauf (Rauf) 
 
Türkei 2016
Regie: Soner Caner, Baris Kaya;
Darsteller: Alen Hüseyin Gürsoy (Rauf), Yavuz Gürbüz (Ahmet), Seyda Sözüer (Zana), Veli Ubic (Bedo), Muhammed Ubic (Zeman) u.a.;
Drehbuch: Soner Caner; Produzenten: Selman Kizilaslan, Kazim Ugur Kizilaslan, Burak Ozan; Kamera: Vedat Özdemir; Musik: Ayse Önder, Ümit Önder, Kemal Sahir Gürel, Kayhan Kalhor; Schnitt: Ali Emre Uzsuz, Ahmet Boyacioglu;

Länge: 94 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Der Film im Katalog der Berlinale
<05.03.2016>


Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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