06.01.2013
Auch böse Spielfiguren haben Gefühle

Ralph reicht's


Ralph reicht's: Ralph (links) Es ist noch nicht lange her, da kaufte der Disney-Konzern die Pixar-Studios auf. Wirkten Disney-Produktionen zuvor oft behäbig und altbacken, erschienen schon immer die Pixar-Filme wie "Toy Story" einfallsreich und fortschrittlich. Jetzt wacht Pixar-Produzent John Lasseter über die Animationsfilme von Disney. Beim 3D-Film "Ralph reicht's" zahlt sich das aus. Die Grundidee, dass Figuren heimlich ein Eigenleben führen, ohne dass Menschen dies wissen, ist zwar bei "Toy Story" entliehen. Was aber aus ihr gemacht wurde, kann sich sehen lassen. Ralph, eine 8-Bit-Spielfigur und Mischung aus Donkey Kong, Shrek und Riesenbaby, entflieht seinem Videospiel und stiftet Chaos an.

Retro. Das Wort steht sowohl für das Schwelgen in Erinnerungen an alte Zeiten als auch für den Rückgriff auf Altbewährtes. Dieser Rückgriff nervt im Kino. Neue Ideen für Spielfilme? Fehlanzeige, weitestgehend. Entweder es wird aus anderen Filmen geklaut, oder alte Stoffe werden ganz neu verfilmt, zuletzt beispielsweise "Conan, der Barbar" und "Spider-Man". Das ist die Form von Retro im Kino. Wohltuend anders kommt "Ralph reicht’s" daher. Der Animationsfilm übernahm zwar einen Grundgedanken aus "Toy Story", aber dies muss man ihm nachsehen: Gegenstände werden fast immer in Pixar-Filmen lebendig. So sind Pixars Markenzeichen die große und die kleine Schreibtischlampe, die in einem Kurzfilm ein Eigenleben führen. In "Ralph reicht’s" leben Videospielfiguren; die Menschen, die mit ihnen spielen, wissen das derweil nicht.

Ralph reicht's: Felix (rechts) Ähnlich wie in "Donkey Kong" kämpft die bullige Figur Randale-Ralph im 8-Bit-Spiel "Fix-it Felix Jr." gegen einen wesentlich kleineren Menschen. Dieser, Felix, muss an einem 2D-Haus mithilfe der Führung des Spielers alles reparieren, was Ralph zuvor zerstört hat. Was die menschlichen Spieler nicht ahnen: Felix und Ralph haben hinter dem Bildschirm auch mal Feierabend. Dann zieht sich Ralph auf einen Müllberg zurück, während sich Felix feiern lässt. Bis Ralph eines Tages genug hat von der Schurkenrolle. Er möchte auch mal der Held sein. In der Welt, in der er lebt, gibt es Verbindungen zu den anderen Spielen des Spielkasinos. Ralph landet zunächst in einem Spiel namens "Hero's Duty", das an den Film "Starship Troopers" erinnert: Coole Boys unter Führung eines noch cooleren weiblichen Sergeants namens Jean Calhoun kämpfen gegen außerirdische Wesen. Kaum dem entronnen, entert Ralph versehentlich das gegenüber "Hero's Duty" völlig anders geartete, weil zuckersüße Spiel "Sugar Rush", ein Autorennen für kleine Mädchen mit kleinen Mädchen, darunter Vanellope von Schweetz, die sich mit Ralph anfreundet. Die Göre möchte am Rennen teilnehmen, hat aber einen Programmierfehler und wird deswegen – und nicht nur wegen der großen Klappe – gemobbt. Nur Jean Calhoun hat begriffen, dass Ralph eines der außerirdischen Wesen, das sich rasant selbst vermehrt, ins Spiel "Sugar Rush" mitgenommen hat, ohne das zu wollen. Mit Felix an der Seite eilt sie Ralph nach.

Ralph reicht's: Sergeant Jean Calhoun "Ralph reicht's" ist Retro in einer positiven Hinsicht: Der Film schwelgt in der Erinnerung an die Zeiten, als die Spiele gerade laufen lernten, zur Freude vor allem aller Über-30-Jährigen unter den Kinobesuchern, die mit den grob gepixelten Spielen Pac Man, Donkey Kong und anderen aufwuchsen. Der Film ist nicht Retro in der oben angesprochenen Machart der heutigen Filme, die aus Ideenarmut aus anderen Filmen Motive entnehmen. Ganz im Gegenteil, "Ralph reicht's" sprüht vor Kreativität seiner Macher. Allerdings wirkt der Film oft wie am Reißbrett entworfen nach dem Prinzip: Was gefällt dem Zuschauer? Und nicht jedes Detail stimmt. Der kleine Felix und Sergeant Jean verlieben sich. Es ist die unglaubwürdigste Liebesgeschichte seit derjenigen der von Ralph Fiennes und Angela Bassett dargestellten Protagonisten in Kathryn Bigelows ähnlich episch breit gelagertem Thriller "Strange Days" (1995). "Ralph reicht's" möchte sich als Märchen vor allem für Kinder verstanden wissen, daher sei dies zu entschuldigen. Der Film ist ohne Altersbeschränkung freigegeben. Für Kinder, und nicht nur für die Pac Man-Generation, macht der Film Vergnügen. Mit Einschränkungen: Die Schießereien in "Hero's Duty" bei der Bekämpfung der Aliens sind für ganz kleine Kinder genauso wenig zu verkraften wie eine Szene am Anfang, in der Runde der "Anonymen Bösewichte", in der sich Ralph wie andere Spiele-Schurken unter der Leitung des Pac Man-Geistes Clyde ausweinen, in der einem anwesenden Zombie das Herz herausgerissen wird. Aber auch dies ist eine Spielerei des Filmteams, das ganz frech neue Wege gefunden hat, Filminhalte zu vermitteln.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Disney

 
Filmdaten 
 
Ralph reicht's (Wreck-it Ralph) 
 
USA 2012
Regie: Rich Moore;
Deutsche Sprecher: Christian Ulmen, Anna Fischer u.a.; Originalsprecher: John C. Reilly, Sarah Silverman u.a.;
Drehbuch: Phil Johnston, Jennifer Lee nach der Story von Rich Moore, Phil Johnston und Jim Reardon; Produzent: Clark Spencer; Ausführender Produzent: John Lasseter; Musik: Henry Jackman; Schnitt: Tim Mertens;

Länge: 101,30 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Walt Disney Studios Motion Pictures Germany; deutscher Kinostart: 6. Dezember 2012



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<06.01.2013>


Zitat

"Ich bin ein Filmemacher, kein Dokumentarfilmer. Ich versuche, die Wahrheit zu schlagen."

("I'm a moviemaker, not a documentarian. I try to hit the truth.")

Regisseur Ridley Scott, der am 30. November 2017 seinen 80. Geburtstag feierte

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