04.03.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Generation 14plus

Rag Union


Der Titel von Mikhail Mestetskiys Regiedebüt ist unfreiwillige Ironie. Gäbe es ein filmisches Lumpenproletariat, wäre die Jugendkomödie ein exemplarischer Vertreter. Vulgär, narzisstisch und dabei fest in konservativer Ideologie verwurzelt. Soziale Ideale sieht die Story als pubertäre Dummheit, die fatale Folgen hat, wenn sie sich nicht auswächst.

Rag UnionNach seinem Drehbuch für den Publikumserfolg "Legenda No. 17" darf Mestetskiy nun selbst auf den Regiestuhl. Dort beantwortet er augenscheinlich vor allem die Frage, die eine seine Figuren andauernd stellt: Wo stehst du im politischen Spektrum? Links oder mittig stehen auf der Leinwand jedenfalls nur Idioten, die man für ihre Nonkonformität auslachen oder bemitleiden soll. Popov (Aleksandr Pal), Petr (Pavel Chinarev) und Andrei (Ivan Iankovskii) haben keine Beschäftigung, kein Geld und keine Bleibe. Letztes, da sie Petrs Wohnung an Touristen vermieten wollen. Der gerade in Moskau angekommene Vania (Vasilii Butkevich) kommt da wie gerufen. Der unbedarfte Junge vom Lande hat dort eine leerstehende Hütte. Nachdem sie Vania mit Fitnessübungen und Revoluzzer-Gefasel beeindruckt und eine Mahlzeit abgeschwatzt haben, nehmen seine neuen Freunde die Hütte in Beschlag. Im Gegenzug darf Vania an ihrem Training teilnehmen. Denn das Trio trainiert jeden Tag, angeblich für eine Schlacht. Um was, darüber sind sie sich nicht einig. Also verbringen sie das Landleben mit saufen und raufen. Dummerweise gibt es hier auch "Dorfhuren", von denen eine prompt den archaischen Männerbund gefährdet. "Rag Union" wirkt mit seinen Zerrbild einer liberalen Opposition wie ein reaktionärer Propagandastreifen, der trotzdem cool sein will. Darum hängen bei Vania Poster von John Lennon, Elvis, Freddy Mercury und obendrein Kurt Cobain, damit man weiß, dass die Handlung Mitte der 90er spielt.

Rag Union Der nervige Klingelton von Vanias Handy wirkt da wie ein Anachronismus, denn Musik zum Download gab es nicht vor 1998. Technisch mögen die Protagonisten ihrer Zeit voraus sein, intellektuell stecken sie in der Vergangenheit fest. Wertvorstellungen wie soziale Gerechtigkeit und Gleichheit betrachtet der Plot als realitätsferne Träumereien einer arbeitsscheuen Jugend. Die Figuren, insbesondere das rabiate Trio von Vanias Freunden, sind Negativkarikaturen von Systemkritikern. Dabei wird nicht politische Orientierungslosigkeit kritisiert, sondern der Glaube an Kunst als Protestmittel und altruistische Überzeugungen. Die dramaturgischen Mittel sind denkbar plakativ: Anfangs ist Vania mit hochgeschlossenem Hemd buchstäblich zugeknöpft, später trägt er das Hemd nachlässig offen. O weh, die Jugend geht vor die Hunde! Den Willen zu sozialem Engagement zeigt der Plot als Ausrede, um nicht arbeiten oder studieren zu müssen. Wogegen die jungen Männer eigentlich sind, wissen sie nicht. Gegen alles? Das steht so zumindest als markiger Spruch von ihnen geschrieben. Aber Aktionskunst und dergleichen ist natürlich keine Kunst, sondern Erregung öffentlichen Ärgernisses oder Sachbeschädigung, lautet der Tenor. Wenn die Jungs trotz all ihrer Desorganisiertheit tatsächlich etwas bewegen, dann ist das purer Zufall – und eine Bestärkung für sie, weiterzumachen.

Mädchen, wie die plötzlich auftauchende Bekannte Vanias, stören da nur. Aber irgendwie, lautet die Botschaft, braucht man sie im Leben und im Film: als Sexobjekt. Indirekt werden die politischen Spektren so doch noch vereint: durch den Patriarchalismus. Da glaubt man direkt der pseudo-aufklärerischen Botschaft: "Es gibt keine guten Ideologien."  

Lida Bach / Wertung:  0 von 5 Punkten 
 

Quelle der Fotos: Berlinale

 
Filmdaten 
 
Rag Union (Triapichniy Soyuz) 
 
Russische Föderation 2015
Regie & Drehbuch: Mikhail Mestetskiy;
Darsteller: Vassily Butkevich (Vania), Ivan Yankovskiy (Andrei), Pavel Chinarev (Petr), Alexander Pal (Popov), Anastasiya Pronina (Sasha), Fyodor Lavrov (Sashas Vater), Vladislav Vetrov (Petrs Onkel), Elena Nesterova (Vanias Mutter) u.a.;
Produzenten: Roman Borisevich, Alexander Kushaev; Kamera: Timofei Parschikov; Musik: Kirill Belorussov; Schnitt: Ivan Lebedev, Sergey Loban;

Länge: 97 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
 
 
 
 
Der Film im Katalog der Berlinale
<04.03.2016>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe