11.02.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion NATIVe

Qapirangajuq:
Inuit Knowledge and Climate Change


"Wissenschaftler reden über den Klimawandel mittels Studien über Umweltverschmutzung und Gifte. Inuit hingegen sprechen über die Auswirkungen, die in unserem Lebensalltag auftreten." Dieser bezeichnende Unterschied in Beobachtung und Kommunikation ist der Ausgangspunkt der faszinierenden Natur-Doku über das Wissen der Ureinwohner jener Regionen, in denen die globale Katastrophe am deutlichsten spürbar wird.

Qapirangajuq: Inuit Knowledge and Climate ChangeFilmemacher Zacharias Kunuk ("Atarnajuat – Die Legende vom schnellen Läufer"), selbst Inuk, und der Umwelt-Aktivist und Naturforscher Ian Mauro dokumentieren gemeinsam die sozialen und ökologischen Veränderungen einer Kultur, die womöglich dem Untergang geweiht ist. Diese düstere Prophezeiung betrifft dabei nicht nur die Ureinwohner Grönlands und Kanadas. Sie trifft die gesamte menschliche Bevölkerung. "Wenn wir unsere Natur verlieren, können wir nicht überleben", sagt einer der Inuk. Sie teilen in ihrer Muttersprache das Wissen und die Erkenntnisse und machen den Film damit zugleich zu einem Dokument ihrer Sprache. Die Beobachtungen der Ältesten und der erfahrenen Jäger machen dem Zuschauer eine Seite des Klimawandels bewusst, die in Studien und der Beschwichtigungspolitik internationaler Gegner des Klimaschutzes keine Beachtung finden. Das Fleisch der Karibus ist verdorben. Nicht nur das Verhalten der Robben hat sich verändert, ihr Fell ist nicht mehr so dicht wie es einmal war. Eisbären ziehen nur noch selten durch die weiße Wildnis, die eine atemberaubende Kulisse für die Kamerabilder bietet. Raben und andere Aasfresser, die sich von der Beute der Raubtiere ernähren, verschwinden mit ihnen. Das Meer hat sich so stark erwärmt, dass die Eisdecke brüchig geworden ist und schon früh taut. Milde Winde bringen Schnee, der anders ist als der, der tausende Jahre fiel.

Qapirangajuq: Inuit Knowledge and Climate Change Sogar die Sonne scheint in weiterer Ferne aufzugehen und die Sterne aus der Erdperspektive nicht mehr an ihrem Platz zu stehen. Die möglichen Ursachen solcher Naturphänomene ergründen die Filmemacher wenn, dann nur ansatzweise. Den Erzählfluss wollen sie nur so wenig wie möglich unterbrechen. Ihre Kultur sei eine der mündlichen Überlieferungen, erklärt einer der Inuit: "Wir behalten das Wissen im Kopf." Die alarmierende Botschaft der Bilder und Gespräche ist sechs Jahre nach Entstehung der Doku drängender denn je. Das von Generation zu Generation weitergegebene Verständnis der Natur steht im Kontrast zur hartnäckigen Ignoranz der westlichen Welt. Trotz der hochkomplizierten Technologie und großflächiger Untersuchungen ist der Klimawandel für viele Politiker und Unternehmer weiterhin ein vages Gespenst, das Umweltapostel heraufbeschwören. Vielleicht hätte die Dokumentation auch deshalb weniger auf fundierte Fakten zur Untermauerung ihrer Schlussfolgerungen verzichten sollen. In der Umweltschutzdebatte wächst mit dem Bewusstsein für die Notwendigkeit, etwas zu ändern, auch der Widerstand gegen die Abkehr von Luxus und rücksichtslosem Konsum. Als der ausdrucksstarke Naturfilm entstand, entstand, schilderten die Medien oft die fatalen Auswirkungen des Klimawandels.

Heute, scheint es, kommt auf jede Reportage über die negativen Folgen des Klimawandels eine Reportage über deren vermeintliche Naturgegebenheit oder gar Vorteile. Die Stimmen der Protagonisten mahnen, dass das Ungleichgewicht unseres Lebensraums kein unterhaltsames Schauspiel ist. Es ist der Ausdruck seiner Vernichtung.  

Lida Bach / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Igloolik Isuma Productions

 
Filmdaten 
 
Qapirangajuq: Inuit Knowledge and Climate Change (Qapirangajuq: Inuit Knowledge and Climate Change) 
 
Kanada 2010
Regie: Zacharias Kunuk; Co-Regie: Ian Mauro;

Drehbuch: Zacharias Kunuk, Norman Cohn, Ian Mauro; Produzent: Zacharias Kunuk; Kamera: David Poisey; Musik: Lucie Idlout; Schnitt: Zacharias Kunuk, Ian Mauro, Guillaume Fortin;

Länge: 54 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Der Film im Katalog der Berlinale
<11.02.2016>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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