Mai 2001

Japanische Zeichentrickkunst

Prinzessin Mononoke

Prinzessin Mononoke Mit vier Jahren Verzögerung kommt die bisherige Krönung des Lebenswerkes von Hayao Miyazaki, "Prinzessin Mononoke", in die deutschen Kinos. Der Film lockte in Japan 13 Millionen Zuschauer in die Kinos und ist damit der einzige Film, dem es gelang mit "Titanic" gleichzuziehen. Skurrilerweise übernahm die internationale Vermarktung des Films Buena Vista (also Disney). Offenbar hat der amerikanische Megakonzern Angst vor der Konkurrenz aus dem Ausland, denn wie anders ließe es sich erklären, dass der Streifen in Deutschland nicht nur mit dieser Verspätung, sondern auch mit lediglich 30 Filmkopien anläuft? Doch alle Freunde anspruchsvoller Unterhaltung sollte dies nicht abschrecken.

Es ist ein bedauerliches Faktum, dass in Europa und Nordamerika Zeichentrickfilme immer noch als "Kinderkram" angesehen werden. Daran sind gerade die Produkte der Walt Disney Cooperation, die seit Jahrzehnten das Medium Zeichentrick als Vehikel für süßliche Märchenmusicals verwenden, nicht eben unschuldig. Von einigen "Ausreißern" wie "Heavy Metal" oder "Fritz the cat" mal abgesehen, bewegen sich deshalb in diesen Regionen fast alle Zeichentrickwerke im Rahmen der Kinderunterhaltung. Dabei ist der Zeichentrick eigentlich nichts anderes als eine Filmtechnik, die geeignet ist, jeglichen Inhalt umzusetzen. In Japan hat man das schon lange verstanden. Dort ist Zeichentrick ein allgemein akzeptiertes und vielfältiges Ausdruckmittel. Die sogenannten Animes haben dabei eine thematische Bandbreite von seichter Kinderunterhaltung bis hin zu Hardcore-Pornos. In diesem kleinen Universum für sich gibt es natürlich auch unsterbliche Idole. Neben Katsuhiro Ôtomo, dem Macher des legendären Sci-Fi Meisterwerks "Akira" gehört auch Hayao Miyazaki zu diesem elitären Kreis. Bei uns dürfte er höchstens als Macher der "Heidi"-Zeichentrickserie bekannt sein, doch in Japan gehören vor allem seine abendfüllenden Spielfilme zur Crème des japanischen Zeichentrickkinos.

In erhabenen Bildern erzählt der Film die Geschichte des Emishi-Kriegers Ashitaka. Der junge Mann, der einer der Letzten seines Stammes ist, hat gerade in Notwehr den Rieseneber Tatari Gami erlegt, der in rasender Wut das Dorf von Ashitaka angegriffen hat. Nachdem der junge Krieger das Tier getötet hat, findet er heraus, dass eine Eisenkugel, die tief in Tatari Gamis Körper steckte und ihm unendliche Qualen bereitete, der Grund dafür war, dass sich das Riesentier in einen Dämon verwandelte. Doch für diese Erkenntnis musste Ashitaka einen hohen Preis bezahlen: Im Kampf hat er sich verletzt und sich eine tödliche Infektion am Arm zugezogen, die nicht nur seinen Körper, sondern auch seinen Geist angreift. Ashitaka macht sich alleine auf den Weg nach Westen, denn nur der dort wohnende Gott des Waldes kann ihn heilen. Beinahe an seinem Ziel angekommen, wird Ashitaka an einem Bergpass Zeuge eines bizarren Kampfes: Ein Zug von Siedlern kann sich nur mühsam gegen drei riesenhafte Wölfe wehren. Ashitaka kann zwei der während des Kampfs verletzten Männer aus einem Fluss retten. Dabei macht er zum ersten Mal Bekanntschaft mit der Namensgeberin des Films, Prinzessin Mononoke. Das junge Mädchen versorgt am Flussufer die Wunden eines der Riesenwölfe, verschwindet aber sobald sie Ashitaka entdeckt. Dieser wiederum macht sich auf den Weg, die Verletzten in ihr Heimatdorf zu bringen. Tatara Ba, die Heimat der Verletzten, entpuppt sich als eine schwer befestigte Eisenhütte, über die die Geschäftsfrau Eboshi herrscht. Schnell stellt sich heraus, dass sie es war, die auf den Rieseneber Tatari Gami geschossen hatte. Eboshi hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Sie will den Waldgott töten und die heiligen Wälder abholzen, um mehr Eisen gewinnen zu können. So gerät Ashitaka in den unerbittlichen Kampf zwischen Eboshi und ihren Kämpfern und den Geistern des Waldes und Prinzessin Mononoke. Vom Ausgang dieses Krieges hängt nicht nur sein eigenes Schicksal ab.

Prinzessin Mononoke Nicht selten ist ironischerweise der Zeichentrickfilm das Zuhause der charakterlichen Überzeichnung: Hier sind die Bösewichte ganz furchtbar böse und die Helden besonders strahlend. Derartige Plattheiten erspart uns Drehbuchautor Miyazaki und zeigt in "Prinzessin Mononoke" komplexe und deshalb glaubwürdige Charaktere, die asiatische Überzeugung von der Zusammengehörigkeit des Ying und Yang, des Hellen und Dunklen, widerspiegeln. So zum Beispiel die knallharte Geschäftsfrau Eboshi: Auf der einen Seite beutet sie die Natur skrupellos aus, auf der anderen Seite bietet sie in ihrer Eisenhütte fürsorglich Aussätzigen und Prostituierten eine Heimat. Auch ihrer Gegenspielerin, Prinzessin Mononoke, wird kein Heiligenschein aufgesetzt. Ihr Kampf für die Natur und den Lebensraum der Waldgötter mag ehrenhaft sein, doch durch ihre vollkommen unreflektierte, rasende Wut gegen alles Menschliche wird sie nicht vollends zur uneingeschränkten Sympathieträgerin. Zwischen diesen Fronten steht als personifizierte Botschaft Ashitaka. Nicht der Sieg einer der beiden Parteien muss das Ziel sein, sondern die Aussöhnung zwischen Mensch und Natur. Ashitaka hat dies begriffen und versucht als Grenzgänger zwischen den beiden Welten zu vermitteln.

Doch die Vielschichtigkeit von "Prinzessin Mononoke" erschöpft sich nicht in der vielzitierten ökologischen Botschaft. Für Europäer bietet der Streifen beispielsweise auch einen Einstieg in asiatische Lebensanschauung. "Niemand kann seinem Schicksal entgehen. Aber man kann sich ihm mutig stellen." Diese Überzeugung, geäußert von Prinzessin Mononoke, atmet der gesamte Film. Dem Europäer, der sich schon immer mit dem Gedanken der Determination schwer getan hat, mag das zunächst fatalistisch anmuten. Doch die Erkenntnis, dass viele grundsätzliche Dinge unserer Existenz - etwa Leben oder Sterben - außerhalb unseres Zugriffes liegen, verurteilt die Charaktere in "Prinzessin Mononoke" nicht zur Untätigkeit. Sie treten ihrem Schicksal in Würde gegenüber - denn das ist es, was letztendlich zählt. Zudem durchdringt den Film ein zutiefst matriarchalischer Geist: Alle wichtigen Figuren im Film, seien es Mononoke, Eboshi oder die Wolfsgöttin, sind Frauen. Die Männer spielen lediglich Nebenrollen und fallen, wenn überhaupt, nur durch Gier oder mangelnde Intelligenz auf. Bezeichnenderweise trägt dann auch die einzig positive männliche Figur, Ashitaka, deutlich androgyne Züge. Vielleicht deutet auch hier Hayao Miyazaki eine Aussöhnung an, diesmal zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen, denn "Prinzessin Mononoke" erspart sich auch hier jegliche Schönfärberei: Nur weil in diesem matriarchalischen Kosmos die Entscheidungsträger fast ausschließlich Frauen sind, bedeutet das - wie erwähnt - nicht, dass die Frauen nur positive Charaktereigenschaften in sich vereinen.

"Prinzessin Mononoke" bietet also nicht nur für mehrere Rezensionen, sondern auch für mehrere Kinobesuche genug Filmstoff. Erst dann kann man wahrscheinlich die Komplexität der Geschichte vollends erschließen, denn beim ersten Sehen droht man von der bombastischen Optik erschlagen zu werden. "Prinzessin Mononoke" ist ein bildgewaltiges Epos, das auch den abgebrühtesten Filmprofi mit offenem Mund zurücklässt. Betörend schöne Hintergrundbilder und elegante Animationen bilden eine harmonische Einheit, die Disney-Dutzendware alt aussehen lässt. Spätestens der Auftritt des Waldgottes, der sich bei Nacht in ein gigantisches, halbtransparentes Wesen verwandelt, lässt den Zuschauer erschaudern. Für die Chance, diese Bilder auf einer großen Leinwand zu sehen, haben sich die vier Jahre Wartezeit gelohnt. Ironischerweise bekommt der Film dadurch auf der optischen Ebene einen unverhofften Aktualitätsbezug: In der finalen Konfrontation zwischen Mensch und Natur wecken die Bilder von schwelenden Wildschweinkadavern beim Zuschauer unangenehme Assoziationen an die Tierscheiterhaufen im Zuge der MKS-Bekämpfung. Die ökologische Botschaft von "Prinzessin Mononoke" gewinnt so zusätzlich an Gewicht.  

Daniel Möltner / Wertung: * * * * * (5 von 5)

Quelle der Fotos: Offizielle Seite zum Film (nicht mehr existent)


Filmdaten

Prinzessin Mononoke
(Mononoke-hime)

Japan 1997
Regie & Drehbuch: Hayao Miyazaki;
Animationsregie: Masashi Ando; Kamera: Atushi Okui; Musik: Joe Hisaishi; Produzenten: Saiichiro Ujiie, Yutaka Narita, Toshio Suzuki;
Deutsche Sprecher: Alexander Brem (Ashitaka), Stefanie Beba (Prinzessin Mononoke), Marietta Meade (Eboshi Gozen), Morgens von Gadow (Jiko Bou), Holger Schwiers (Gonza), Jochen Striebeck (Ok-Koto) u.a.

Länge: 135 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Buena Vista; deutscher Kinostart: 19.04.2001



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Regisseur Wolfgang Staudte

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