24.08.2012
Gibt es ein Entkommen aus dem Elend?

Precious
– Das Leben ist kostbar


In seiner zweiten Regiearbeit führt Filmemacher Lee Daniels den Zuschauer in das Milieu der afro-amerikanischen Unterschicht. Dabei nutzt er die literarische Vorlage "Push" der Autorin Sapphire, um die ergreifende Geschichte einer jungen Frau zu erzählen, die nicht bereit ist, sich von ihren niederdrückenden Lebensumständen bestimmen zu lassen.

Harlem, 1987. Dass Teenager Claireece Jones (Gabourey Sidibe) von allen nur Precious genannt wird, mutet zunächst an wie böse Ironie, denn das Leben der 17-Jährigen scheint weniger kostbar als höllisch zu sein. Mit ihrer schwarzen Hautfarbe gehört sie Ende der 1980er Jahre immer noch zu der unterprivilegierten Minderheit ihres Landes. Ihre Lese- und Schreibkenntnisse bewegen sich an der Grenze zum Analphabetismus. Und Precious ist fett. Fett wie ein Walross. Sie deswegen als sozial benachteiligt zu bezeichnen, wäre jedoch eine Untertreibung angesichts der weiteren Bürde, die das Mädchen mit sich herumschleppt: Precious ist zum zweiten Mal vom eigenen Vater geschwängert. Die Häme Gleichaltriger erscheint jedoch banal, verglichen mit der Gewalt, der sie durch ihre sadistische Mutter ausgesetzt ist. Erschreckend glaubhaft durch Komikerin Mo'Nique verkörpert, die für ihre grandiose Schauspielleistung mehrfach als beste Nebendarstellerin prämiert wurde, behandelt die Sozialhilfeempfängerin ihre Tochter wie eine Haussklavin, die sie mit der Bratpfanne genauso attackiert wie mit Worten: "Du bist dumm geboren, aus dir wird doch sowieso nichts. Kein Schwein will dich und kein Schwein braucht dich. Ich hätte deinen fetten Arsch abtreiben lassen soll'n, weil du ein Stück Scheiße bist, ich wusste es schon in dem Moment, wie der Arzt dich mir in den Arm gelegt hat."

Vor den gewaltvollen Übergriffen ihrer Umwelt flüchtet Precious in Tagträumereien von Schönheit, Reichtum, Ruhm und Respekt, deren poetisch-komische Inszenierung den gnadenlosen Naturalismus des restllichen Filmes kontrastiert – und denselben genau damit in umso härteres Licht setzt.

Hoffnung schimmert für Precious auf, als ihr ungestillter Wissenshunger sie in eine alternative Bildungseinrichtung führt, wo sie in Miss Rain (Paula Patton) ein positives Vorbild findet. Über die Vermittlung von Bildung und einen respektvollen Umgang ebnet die Lehrerin Precious den Weg zu Selbstachtung und Selbstbestimmung. Doch wer im weiteren Filmverlauf eine typische Aufsteigergeschichte erwartet, eine Cinderella-Story etwa, die die Verwandlung eines teergefiederten Entleins in einen weißen Schwan erzählt, wird enttäuscht. Das Martyrium der Protagonistin hat seinen Höhepunkt noch nicht erreicht. Für Precious kommt es noch härter. Auch für den Zuschauer, dessen Empathie für die Titelheldin nicht zuletzt durch die herausragende Schauspielleistung der Newcomerin Gabourey Sidibe bestimmt wird. Diese versteht es, auch die Schattenseiten ihrer um 10 Jahre jüngeren Figur glaubhaft zu verkörpern – etwa in jenen Augenblicken, in denen Precious auf ihre Umwelt genauso gefühllos und gewaltvoll reagiert, wie diese ihr oftmals begegnet.

Dass der Film dennoch nicht in einem düsteren Sozialdrama versackt, ist seine große Stärke. Und so darf man sich an seinem Ende beschenkt fühlen durch die Inszenierung einer außergewöhnlichen Geschichte, die einen im Alltag noch lange begleiten wird – und hoffentlich öffnet für Sympathie und Mitgefühl gegenüber all jenen namenlosen "Precious", die das eigene Leben streifen.  

Antje Kuschpel / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Precious - Das Leben ist kostbar (Precious: Based on the Novel Push by Sapphire) 
 
USA 2009
Regie: Lee Daniels;
Darsteller: Gabourey Sidibe (Precious), Mo'Nique (Mary), Paula Patton (Ms. Rain), Mariah Carey (Ms. Weiss), Lenny Kravitz (John), Stephanie Andujar (Rita) u.a.;
Drehbuch: Geoffrey Fletcher nach dem Roman "Push" von Sapphire; Produktion: Lee Daniels, Gary Magness, Sarah Siegel-Magness; Ausführende Produzenten: Lisa Cortés, Tom Heller, Tyler Perry, Oprah Winfrey; Kamera: Andrew Dunn; Musik: Mario Grigorov; Schnitt: Joe Klotz;

Länge: 109 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Prokino; deutscher Kinostart: 25. März 2010



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<24.08.2012>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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