08.08.2014
Mut zum Aufbruch

Praia do Futuro


Praia do Futuro: Clemens Schick Neulich war in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen, dass junge Akademiker zusehends dazu tendieren Jobs auszuwählen, die ihnen später einen betulichen Beamtenstatus garantieren mit den üblichen finanziellen Sicherheiten. Bei den jungen Studenten, die noch am Anfang und im geistigen wie seelischen Saft ihres Lebens stehen (sollten) war keineswegs eine Art von Aufbruchsstimmung, von einer Sehnsucht nach dem Unbekannten, oder aber Unerwartetem zu spüren. Die stürmischen Zeiten des Rebellischem oder Revolutionärem, in der die Erfahrbarkeit des Unbekannten noch wichtig war, ist einem säuselnden Wind gewichen, der lau die Visionen einer gutbürgerlichen Zukunft umweht. Die Vorhersehbarkeit und die Berechenbarkeit der individuellen Lebenskonzepte stehen heute hoch im Kurs, und mittels mannigfaltiger Algorithmen können die Biografien schon früh geschrieben werden. Meint und hofft man bisweilen. Das Leben soll aus einem Guss, und am besten gleich in Beton gegossen werden.

Praia do Futuro Umso erfreulicher scheint es, wenn die Kunst und der Film jene Gedanken reaktiviert, dem Vorhersagbaren im Leben ein Schnippchen zu schlagen, und sich auf den Weg zu machen, Unbekanntes, vielleicht auch gefährlich-heimtückisches, aber immer auch verheißungsvolles Terrain zu betreten. Der Film "Praia do Futuro" von Karim Aïnouz erzählt genau davon. Seine Kernthese lautet: Erforsche das Leben mit all seinen Unwägbarkeiten, und fasse den Mut ins Unbekannte, ins Fremde aufzubrechen. Am sonnendurchtränkten bukolischen Strand von Praia do Futuro rettet Donato (Wagner Moura), der dort als Rettungsschwimmer arbeitet dem deutschen Konrad (Clemens Schick) das Leben. Dieser ist zusammen mit seinem Freund Heiko (Fred Lima) in die reißenden, wie unerbittlichen Strömungen gekommen, wobei Heiko nicht gerettet werden kann. Zwischen den beiden Männern funkt es gewaltig, so dass es spontan zum Überwindungssex im Auto kommt. Überwindungssex deshalb, da die Inszenierung des gemeinsamen Sexes eher an eine Sublimierungsgeste erinnert, in der Konrad den Verlust seines Freundes zu verarbeiten versucht. Betört von der für den Zuschauer kaum fassbaren Magie von Konrad, verlässt Donato Hals über Kopf seine Heimat; und – noch viel gewichtiger – seinen zehnjährigen Bruder Ayrton (Savio Ygor Ramos), zu dem er eine besonders innige Verbindung pflegt. Im grauen wie tristen Berlin, das berlintypisch in seiner Bildsprache entsättigt dargestellt wird, und auf der Ebene des Tons ungehobelt daherkommt, fasst Donato nicht so recht Fuß. Die Beziehung zwischen Konrad und Donato hat schon bessere Tage gesehen, und in einem Zeitsprung bewegen wir uns acht Jahre nach vorne. Nach diesen acht Jahren taucht der mittlerweile erwachsen gewordenen Ayrton, nun gespielt vom feschen Jesuita Barbosa, auf. Dass hier nun alte Konflikte aufbrechen, und eine Menge Erklärungsbedarf besteht, versteht sich von selbst, ja es wird geradezu von der Filmdramaturgie postuliert.

Praia do Futuro Aïnouz' Film ist ein merkwürdiges, im Grunde sehr wichtiges Plädoyer für den Mut zum Aufbruch. Er wirbt eindringlich, leise-leidenschaftlich mit teils sehr poetischen Bildern dafür die Spielräume des Lebens zu erkunden, und den gewundenen Wegen, und spleenigen Wendungen zu trotzen. Der Clash der Kulturen, der Topographien – hier das pittoreske, lebenshungrige, sonnensatte, unverschämt lebensstrotzende wie ungeordnete Brasilien, dort das abgeklärte, schnoddrige, schnörkellose, herbstlich-triste, wie herausfordernde Berlin – diese Dichotomie ist mithin reichlich vorhersehbar konstruiert. Und es schlägt sich in allzu überkonturierten Bildern nieder, die sich fast schon auffällig den üblichen Klischees nähern. Dem Filmemacher sind – und das raubt dem Film dann doch seine Kraft und Nachhaltigkeit – seine Figuren schlechterdings und deren Konstellationen kaum gelungen, da sie mehr als Marionetten agieren, und sie oftmals eindimensional in einer Art Seelenschmerz agieren, oder in stummen wie symbolhaften Selbstherrlichkeitsgesten verharren. Der Filmemacher versucht sich darin heterogene Männlichkeitsrepräsentationen auf die Leinwand zu bringen, die sich allesamt als noch lange nicht fertig mit dem Leben verstehen, und diesem maßvoll die Stirn bieten. Indes: Diese Männer, ja diesen ganzen Film wird der Zuschauer dennoch schnell vergessen haben, da trotz des richtigen wie wichtigen Ansatzes, und trotz einiger weniger stimmungsvoller wie lyrischer Takes, der auch im Erzähltempo uneinheitlichen Geschichte der Kitt einer überzeugenden Story fehlt.  

Sven Weidner / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Real Fiction Filmverleih

 
Filmdaten 
 
Praia do Futuro  
 
Brasilien / Deutschland 2013
Regie: Karim Aïnouz;
Darsteller: Wagner Moura (Donato), Clemens Schick (Konrad), Jesuita Barbosa (Ayrton 18jährig), Savio Ygor Ramos (Ayrton 10jährig), Sophie Charlotte Conrad (Dakota), Sabine Timoteo (Heikos Frau), Yannik Burwieck (Heikos Sohn), Fred Lima (Heiko), Natascha Paulick (Barkeeperin), Emily Cox (Nanna), Ingo Naujoks (Mechaniker), Thomas Aquino (Jefferson), Christoph Zrenner (Hausmeister) u.a.;
Drehbuch: Felipe Bragança, Karim Aïnouz; Produzenten: Geórgia Costa Araújo, Hank Levine; Kamera: Ali Olay Gözkaya; Musik: Hauschka; Schnitt: Isabela Monteiro de Castro;

Länge: 106,38 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; Original mit Untertiteln; ein Film im Verleih von Real Fiction Filmverleih; deutscher Kinostart: 2. Oktober 2014



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Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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