09.07.2013
Drama im Komödienkostüm mit unausgeschöpftem Potenzial

Portugal Mon Amour


Portugal Mon Amour: Rita Blanco In tief christlich geprägter Bescheidenheit lebt ein portugiesisches Ehepaar seit zwanzig Jahren in Paris. Maria als Concièrge eines Wohlhabendenmietshauses und José als Bauleiter mit gutem handwerklichem Renommee sind beide chronisch unterbezahlt und haben dennoch nie Freizeit. Sie werden aber nicht nur von ihren Arbeitgebern, sondern auch von ihren Verwandten und Freunden schamlos ausgenutzt. Da sie nie "Nein" sagen können, sind sie immer nur dabei, anderen zu dienen.

Ihre beiden Kinder, die als Franzosen aufwachsen, leben in einem Spannungsfeld zwischen Emanzipation und Unterwürfigkeit. Sie wissen dabei nicht so richtig, wo sie wirklich hingehören.

Diesen unaufhaltsamen Fluss der Dinge unterbricht eine unerwartete Erbschaft: José erbt ein ganzes Weingut in Portugal. Diese Nachricht bringt alles durcheinander. Endlich können sie erhobenen Hauptes zurück in die Heimat – aber: Ist es noch ihre Heimat? Die Kinder wollen nicht mit; alle, die von der Arbeit des Paares profitieren, wollen sie – auch mit unlauteren Methoden – behalten. Hält die Familie diesem Sturm stand?

Portugal Mon Amour Dieser Stoff ist für ein Drama wie gemacht. Leider hat sich Regisseur und Drehbuchautor Ruben Alves dazu entschieden, eine Komödie daraus zu stricken. Dabei werden die kleinen Schwächen der Portugiesen – das Anhimmeln der heimischen Leckerbissen, der Klatsch und Tratsch, die überzogene Liebe zum Fußball, das schauspielerische Dramatisieren – in Szene gesetzt und etwas der Lächerlichkeit preisgegeben. Und auch der detailreich und pointiert geplante Rachefeldzug Marias und Josés wirkt charakterfremd und aufgesetzt.

Teilweise gerettet wird der Film mit einem emotional inszenierten Fado-Gesang, unter den Miniszenen hineingeschnitten werden, die suggerieren, dass sich alles auf seinen richtigen Platz zurechtruckelt. Die Menschen erkennen wieder, wer sie sind, die Kunst hat die Wahrheit gerettet. Ein symbolisches und kostbares Bild.

Portugal Mon Amour: Lannick Gautry, Barbara Cabrita Als Drama, das den Gedanken der Identitätsfindung zwischen zwei Nationen und Nationalitäten verstärkt, das die Beziehungen im Film besser analysiert und vor allem vertieft – und nicht verflacht, wie der Film es tut – bleibt das Potenzial dieser Geschichte unausgeschöpft. Trotz der atemberaubenden Bilder aus dem portugiesischen Weingut, trotz der sehr zu lobenden Leistung der Darsteller – vor allem der Hauptdarstellerin der Maria, deren Gesicht in Würde getragenes Leid und kompromisslose Mutterliebe widerspiegelt, und trotz der sonnenlichtdurchfluteten Ästhetik der Bilder.

"La cage dorée" (Der Goldkäfig) ist der leider ins Deutsche nicht übernommene Originaltitel des Films, der aussagen will, wie schwer es ist, absichtlich dem materiell gutgestellten Dasein und der Sicherheit den Rücken zu drehen, um da hinzugehen, wo die Seele gut aufgehoben ist. Diese Zerrissenheit teilen Millionen Menschen auf der Welt, und sie zu betrachten, wirklich zu betrachten, würde vielen Zuschauern etwas geben. Deshalb hätte der zwar sehenswerte und an vielen Stellen liebenswerte Film in einer anderen Ausführung seinem Zweck besser gedient.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Prokino

 
Filmdaten 
 
Portugal Mon Amour (La cage dorée) 
 
Frankreich 2013
Regie: Ruben Alves;
Darsteller: Rita Blanco (Maria Ribeiro), Joaquim de Almeida (José Ribeiro), Barbara Cabrita (Paula Ribeiro), Alex Alves Pereira (Pedro Ribeiro), Roland Giraux (Francis Caillaux), Chantal Lauby (Solange Caillaux), Lannick Gautry (Charles Caillaux) u.a.;
Drehbuch: Ruben Alves, Jean-André Yerlès, Hugo Gélin; Produktion: Hugo Gélin, Laëtitia Galitzine, Danièle Delorme; Kamera: André Szankowski; Musik: Rodrigo Leao; Schnitt: Nassim Gordij Tehrani;

Länge: 90,41 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Prokino; deutscher Kinostart: 29. August 2013



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<09.07.2013>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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