26.02.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Kulinarisches Kino

Portrait of a Garden


Ein wenig ist Rosie Stapels lyrischer Dokumentarfilm wie der Ort, den er leise beobachtet. Er braucht seine Zeit, um sich zu entwickeln, aber dafür ist er wunderschön. Ein Jahr lang besuchte die niederländische Regisseurin einen Küchengarten, wie es nur noch wenige gibt. Der Garten der Villa August in Dordrecht ist einzigartig im Land, in seiner Größte und seinem Reichtum an Gemüse, Obst und Kräutern. Im Jahreswandel enthüllt der zauberhafte Schauplatz seine Wandelbarkeit.

Portrait of a Garden Betritt man den Titelort der gemächlichen Dokumentation, scheint es fast, als betrete man eine andere Epoche. Der Garten des im 17. Jahrhundert errichteten Landsitzes von Dordwijk gehört zum Restaurant Villa August. In den letzten 15 Jahren restaurierte der Besitzer Daan van der Have das Anwesen, das sich heute wieder in altem Glanz zeigt. Die ursprüngliche Form der Pflanzenaufzucht und -pflege hat hier Bestand. Die Aufgaben liegen buchstäblich in den Händen des 85-jährigen Jan Freriks. Mit Präzision und Gewissenhaftigkeit kümmert er sich um Aussaat und Ernte der Pflanzen. Es ist eine Aufgabe von hoher Verantwortung, deren ungeheures Ausmaß sich erst stückweise erschließt. Die Keime in die Erde zu geben und zu warten genügt nicht, obwohl das Warten auf den optimalen Zeitpunkt eine zentrale Rolle in Freriks Tätigkeit spielt. Reben müssen beschnitten werden, der Boden umgegraben, Stämme angebunden und der Reifegrad von Birnen will geprüft werden. Der alte Mann und der Landwirt widmen sich all diesen und noch mehr Tätigkeiten mit bemerkenswerter Erfahrung und Genauigkeit. Die Pflanzen sind launisch und verzeihen es kaum, wenn man sie nur einen Tag vernachlässigt. "Als Gärtner muss man ein wenig von seiner Arbeit besessen sein", sagt Freriks einmal. Und das ist er.

Portrait of a Garden Das ganze Jahr verbringt er im Garten und beobachtet, wie dank seines Zutuns scheinbar von Zauberhand Köstlichkeiten aus dem Boden wachsen. Noch wichtiger aber ist, der Natur nicht ins Werk zu pfuschen. Im Garten, den sich die Kamera in malerischen Bildern erschließt, gibt es keine Pestizide und Chemikalien. Der ökologische Anbau ist kein Prestigeprojekt, sondern selbstverständlich. Nur so wird die Mühe von Freriks und van der Have mit ausgezeichneten Aromen belohnt. Regisseurin Stapel zeigt mit feinsinnigem Humor, wie die beiden Männer über das Wetter und den Boden philosophieren und selbst mit den leckersten Früchten nicht ganz zufrieden sind. Fast beiläufig gibt ihr Film einen Eindruck von dem enormen Wissensschatz, den die Gärtner über Jahrzehnte angesammelt haben und der zu verloren gehen droht, wenn er nicht weitergegeben werden kann. Einiges an Geduld gehört dazu, dem langsamen Fluss an Worten und Bildern zu folgen. Doch es ist nichts im Vergleich zu der Geduld, die die zwei Gärtner auf der Suche nach dem perfekten Geschmack und der schönsten Farbe und Form aufbringen.

Die Gartenarbeit sei ein Traum, heißt es einmal, aber ein Traum, der nie ganz in Erfüllung gehe. Damit müsse man umgehen können. Es bleibt die Hoffnung, dass er auch ohne die beiden Menschen, die ihn am Leben erhalten, nicht eines nicht allzu fernen Tages ausgeträumt ist.  

Lida Bach / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Rosie Stapel

 
Filmdaten 
 
Portrait of a Garden (Portret van een tuin) 
 
Niederlande 2015
Regie, Produzentin, Drehbuch, Kamera, Schnitt: Rosie Stapel;
Mitwirkende: Daan van der Have, Jan Freriks, Kate Shepherd u.a.;
Musik: Jozef van Wissem;

Länge: 98 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Der Film im Katalog der Berlinale
<26.02.2016>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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