03.09.2019

Plein Sud
- Auf dem Weg nach Süden

Eine Szene vom Anfang haftet besonders in der Erinnerung: Léa (Léa Seydoux), eine schöne, junge Frau, tanzt zu ausgelassener Musik für Sam (Yannick Renier) – sinnlich und verführerisch, eine wahre Lolita. Doch Sam ist gänzlich ungerührt von Léas Avancen (und das wird er auch bleiben). Überhaupt ist unser Protagonist, der sich erst im Verlauf des Films als dieser entpuppt, überaus zurückgezogen und schweigsam. Mit seinem alten Ford Mustang reist er von der Normandie nach Spanien; Léa und ihr schwuler Bruder Mathieu (Théo Frilet), zwei Tramper, kommen unterwegs dazu. Beide flirten mit ihm, aber Sam bleibt unbewegt. Schließlich gesellt sich mit Jérémie (Pierre Perrier), den Léa an einem Rasthof anspricht, ein weiterer junger Mann zu der Gruppe. Gemeinsam fahren sie Richtung Süden. Was Sam vorhat, wissen wir nicht.

Erst nach und nach offenbart Regisseur Sébastien Lifshitz, der zu Beginn seiner Karriere als Assistent von Claire Denis engagiert war, die Motivation seiner Hauptfigur. In Rückblenden erzählt er die Geschichte Sams, der als kleiner Junge den Selbstmord seines Vaters mit ansehen musste. Die Schuld am Suizid des Vaters gibt er seiner Mutter, die nach Jahren in einer Nervenheilanstalt ein neues Leben in Spanien angefangen hat. Mit einer Pistole im Gepäck fährt Sam in Richtung Süden.

Sébastien Lifshitz vergleicht Sam mit einem Westernhelden und in der Tat finden sich in der Figur Bezüge zu klassischen Cowboys: Er ist wortkarg, von Rache getrieben und von einer markanten Erscheinung; nicht zuletzt führt er einen Revolver mit sich: Wie noch jedes Road Movie ist auch "Plein Sud" aus dem Geist des Westerngenres geboren. Motive des Dramas und des Liebesfilms verbinden sich mit dieser Tradition und machen Lifshitz' Film zu einer mitunter schillernden Melange aus verschiedenen Versatzstücken. Das Unbeschwerte und das Düstere liegen in "Plein Sud" nahe beieinander – das merkt man gleich. Auch das Abschweifen gehört zum Programm: Wie bei Sam, der zeitweise von seinem Vorhaben abrückt, um mit seinen Mitfahrern eine unbeschwerte Nacht am Strand zu verbringen, zeichnet sich die Narration durch eine gewisse Unverbindlichkeit aus.

Seine Spannung bezieht "Plein Sud" stets aus der Frage, was Sam vorhat und wie er auf die neuen Entwicklungen, etwa eine Liebesnacht mit Mathieu, reagieren wird. Der Soundtrack gibt die Lösung vor: "Love is the opening door – Love is what we came here for." Das Ende aber lässt den lebensfrohen Tanz vom Anfang nur noch erahnen.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Plein Sud - Auf dem Weg nach Süden
(Plein sud)

Frankreich 2009
Regie: Sébastien Lifshitz;
Darsteller: Yannick Renier (Sam), Léa Seydoux (Léa), Nicole Garcia (die Mutter), Théo Frilet (Mathieu), Pierre Perrier (Jérémie), Micheline Presle (die Großmutter), Gérard Watkins (der Vater), Marie Matheron (die Adoptivmutter), Luis Hostalot (Pablo), Ludo Harlay (Sam als Kind) u.a.;
Drehbuch: Stéphane Bouquet, Vincent Poymiro, Sébastien Lifshitz; Produzenten: Alexandra Henochsberg, Judith Nora; Kamera: Claire Mathon; Musik: Marie Modiano, John Parish, Jocelyn Pook; Schnitt: Stéphanie Mahet;

Länge: 87 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; deutscher Kinostart: 16. Dezember 2010



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Schauspieler Gregory Peck (1916 - 2003) über die Rechte von Homosexuellen

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