20.12.2019

Pianomania

Ein begleitender Dokumentarfilm steht und fällt mit seinem Protagonisten. "Pianomania" von Lilian Franck und Robert Cibis steht mit Stephan Knüpfer, dem Cheftechniker der Pianobauer Steinway & Sons. Wenn die großen Pianisten unserer Zeit, etwa Lang Lang oder Pierre-Laurent Aimard, im Wiener Konzerthaus auftreten oder dort Aufnahmen machen wollen, stimmt Stephan Knüpfer den Konzertflügel. Dann diskutiert er leidenschaftlich über Klangfarben, Tonlagen und den Charakter eines Tones oder darüber, ob der Flügel nun eher wie ein Cello oder wie eine Orgel klingen soll und wie man das wohl bewerkstelligen kann. Stephan Knüpfer, und das macht ihn zu einem so hervorragenden Protagonisten, scheint ganz bei sich, wenn er mit irrer Konzentration über die Saiten gebeugt dasteht. Er liebt seinen Job – und verzweifelt daran.

"Pianomania" begleitet Knüpfer ein Jahr lang bei seiner Arbeit als Konzerttechniker. Als Rahmen dient ein Projekt von Pierre-Laurent Aimard, der Johann Sebastian Bachs "Kunst der Fuge" vertonen will und für jedes der Stücke eine andere Klangfarbe wünscht. Wir sehen, wie Stephan Knüpfer diese für ihn neue Herausforderung beherzt angeht, wie er Fortschritte erzielt und Rückschläge hinnehmen muss. Vor allem aber sehen wir seinen unbedingten Willen zur Perfektion: "Pianomania" ist nämlich nicht nur ein Film über die tägliche Arbeit eines engagierten Konzerttechnikers, sondern viel mehr noch ein Film über das Streben nach Vollendung und die dafür notwendige Portion Wahnsinn.

Lilian Franck und Robert Cibis verlassen sich dabei voll und ganz auf Stephan Knüpfer. Sie inszenieren keine klassischen Interviewsituationen, sondern folgen dem Besessenen mit der Kamera – ohne Off-Kommentar und den Blick verstellende Taschenspielertricks, sondern mit einem guten Gespür für zwischenmenschliche Situationen und einer treffsicheren Montage, die sich nie zu früh oder spät von einer Szene verabschiedet. Trocken ist "Pianomania" ob der reduzierten Inszenierung dennoch nicht; ganz im Gegenteil ist er sogar sehr humorvoll und unterhaltsam. Einmal erzählt Knüpfer eine Anekdote von einem Konzerttechniker, der Staub aus dem Resonanzkörper eines gestimmten Flügels entfernte und den Pianisten damit verärgerte. Stephan Knüpfer, dieser unverbesserliche Perfektionist, würde den Unterschied hören – das steht fest.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Pianomania


Österreich/Deutschland 2009
Regie, Drehbuch und Produzenten: Lilian Franck, Robert Cibis;
Mitwirkende: Stephan Knüpfer, Pierre-Laurent Aimard, Lang Lang, Till Fellner, Christoph Koller, Alfred Brendel, Ian Bostridge, Richard Hyung-Ki Joo u.a.;
Kamera: Robert Cibis, Jerzy Palacz; Musik: Matthias Petsche; Schnitt: Michele Barbin;

Länge: 96 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; deutscher Kinostart: 9. September 2010



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Zitat

"Ich bin bis heute ein Minimalist. Es war Bogart, der sagte, 'Wenn Du die richtigen Gedanken denkst, wird die Kamera sie aufnehmen.' Das Wichtigste im Gesicht sind die Augen, und wenn Du die Augen zum Reden bringst, hast Du schon die halbe Strecke geschafft."

("I've always been a minimalist. It was Bogart who once said, 'If you think the right thoughts, the camera will pick it up.' The most important thing in the face is the eyes, and if you can make the eyes talk, you're halfway there.")

Schauspieler Ian Holm ("Alien", "Der Herr der Ringe"-Filme; 12. September 1931 - 19. Juni 2020)

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