04.06.2019

Ein Film der Entschleunigung

Paterson

Jim Jarmusch hatte für seinen zwölften Spielfilm "Paterson" 2016 eine kuriose Idee: Der Filminhalt präsentiert dem Kinopublikum nichts Besonderes, ein junges Paar, Paterson und Laura (Adam Driver, Golshifteh Farahani) wird in seinem gewöhnlichen Alltag gezeigt. Es scheint ein großer Spaß Jarmuschs zu sein, den er sich erlaubt, denn im Leben der männlichen Hauptfigur passiert nicht gerade viel. Einmal wird eine Waffe gezogen. Baut also Jim Jarmusch Action in seiner Story ein? Auch da erlaubt er sich einen Joke: Die Waffe enthält Schaumstoff-Kugeln. Diese Szene und eine weitere, in der der Hund des Paars ein Notizbuch zerfetzt, sind die Höhe- oder vielleicht Tiefpunkte des Films, denn "Paterson" braucht diese Szenen nicht, um eine hervorragende Wirkung zu erzielen. Damit, dass der Regisseur das Kino entschleunigt. Der Film funktioniert als absoluter Gegenentwurf zum Kino-Bombast. Ja, kurz gesagt, er funktioniert.

Jim Jarmuschs Regie-Kollege Spike Lee soll einmal gesagt haben, Leute gingen ins Kino, um der Realität zu entfliehen. Er selber gehe ins Kino, um diese zu erleben. Was mag Lee wohl über "Paterson" gedacht haben? Denn Jarmuschs Film erzählt Reales, fast Banales, das Immergleiche eines Alltags verteilt über die sieben Tage einer Woche – mit einem Ziel: So, wie der Filmheld Paterson sich in Poesie übt, ist der gleichnamige Film eine poetische Hymne ans Leben. Der Film wird regelrecht auch zum Gedicht des Regisseurs.

Der Film, der Mann, die Stadt heißen alle Paterson. Adam Drivers Paterson ist ein Driver, nämlich ein Busfahrer in Paterson / New Jersey, gleichzeitig ein Hobby-Dichter, man begleitet ihn im unspektakulären Alltag, während der Busfahrten belauscht er die Gespräche seiner Fahrgäste. Aber auch sie sagen nichts Besonderes in ihren Unterhaltungen. Laura möchte Patersons Gedichte veröffentlichen. Bis der Hund der beiden sich an das Notizbuch mit der gesammelten Lyrik heranmacht, als er unbeobachtet ist. Die Szene wie die Szene mit der Waffe sind die einzigen Ausbrüche aus dem Gewöhnlichen, die sich Autorenfilmer Jarmusch gestattet.

Wie der Film anstelle des Alltäglichen hätte sein können, zeigt ein weiterer Scherz Jarmuschs: Vor oder nach der Schicht als Busfahrer erzählt ein Arbeitskollege dem jungen Mann stöhnend von immer neuen Katastrophen in seinem Leben. Jarmuschs Film könnte von dem Mann handeln, denn komprimiert wird da eine mögliche Filmhandlung nacherzählt. Aber: Dies ist nicht der Filminhalt von "Paterson". Der Inhalt ist das Unchaotische, Unspektakuläre im Leben zweier junger Menschen, eine Liebeserklärung an die Entschleunigung kombiniert mit der Botschaft an die Zuschauer*innen: nur die Ruhe bewahren. Warum nicht auch im Kino, wenn Filme sonst aufs große Kawumm setzen?

Einzig der Einsatz der oben genannten Waffe ist nicht nötig, zu viel des Ausbrechens aus Patersons Alltag, sie stört regelrecht die positive sedative Wirkung des Films, der ansonsten in seiner Sehnsucht nach Ruhe als cineastische Innovation genial ist.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Paterson
(Paterson)

USA 2016
Regie & Drehbuch: Jim Jarmusch;
Darsteller: Adam Driver (Paterson), Golshifteh Farahani (Laura), Rizwan Manji (Donny), Barry Shabaka Henley (Doc), Chasten Harmon (Marie), William Jackson Harper (Everett), Sterling Jerins (junge Poetin), Masatoshi Nagase (japanischer Gast) u.a.;
Gedichte: William Carlos Williams, Ron Padgett, Jim Jarmusch; Produzenten: Joshua Astrachan, Carter Logan; Kamera: Frederick Elmes; Musik: Jim Jarmusch, Carter Logan, Sqürl; Schnitt: Affonso Gonçalves;

Länge: 122,46 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; Kinostart: 17. November 2016;

Ein Film im Wettbewerb der Filmfestspiele Cannes 2016



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Zitat

"Immer, wenn ich 'Mr. Fonda' höre, schaue ich zur Tür in Erwartung, dass er zurückkommt."

("Whenever I hear 'Mr. Fonda', I look over at the door, figuring he's come back.")

Schauspieler Peter Fonda (23. Februar 1940 - 16. August 2019) über seinen übermächtigen Vater, Schauspieler Henry Fonda (1905 - 1982)

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