28.04.2018

Paris kann warten


Es ist nicht besonders schwer, diesen Film zu verreißen. Wie es zum Beispiel in der WELT geschah: Das "Roadmovie" sieht dann aus wie "ein Reiseprospekt", es gibt "Gelaber über die alten Römer", die Hauptperson Jacques ist "ein selbstgefälliger Chauvinist", der sich mit einer "nuttigen Museumsdirektorin" einlässt, der Film ist "Quark", es "stimmt nichts", und die Rezensentin fragt sich, "warum Mr. Coppola seine Mrs. Coppola nicht davon abgehalten hat, so einen Schmonzes abzuliefern." Eleanor Coppola, 80 Jahre alt, ist die Regisseurin des Films "Paris kann warten". Sie hat unter anderem eine großartige Dokumentation über die Dreharbeiten von "Apocalypse Now" ihres Mannes Francis Ford Coppola produziert. "Paris kann warten" ist ihr erster Spielfilm.
Man kann es aber auch anders sehen. Man kann sagen, dass dies einfach ein Film ist, der einem anderthalb heitere und unbeschwerte Unterhaltungsstunden schenkt, besonders wenn man Frankreich liebt, und wer tut das nicht?

Es ist die Geschichte der gestressten Amerikanerin Anne (Diane Lane), deren Mann Michael, ein gestresster Filmproduzent (Alec Baldwin), nach einem Aufenthalt in Cannes beruflich schnell nach Budapest muss. Sie kann ihn wegen einer Ohrenentzündung nicht im Flugzeug begleiten und bekommt von Jacques (Arnaud Viard), einem Geschäftspartner Michaels, das Angebot, sie im Auto nach Paris mitzunehmen. So fahren die beiden in Jacques' altem Peugeot 504 los. Und auf dieser Fahrt nutzt der Filou Jacques, der sich gleich in Anne verliebt hat, die Gelegenheit, der Amerikanerin das Savoir vivre und die Schönheiten seines Landes nahezubringen: die Landschaften, die Bauwerke (z.B. das Aquädukt Pont du Gard), die Städte und Dörfer – und insbesondere die kulinarischen Köstlichkeiten. Mit ihrer Pocketkamera hält Anne die ihr wichtigsten Eindrücke fest. Und hier merkt der Zuschauer immer wieder, dass Filme auch "schmecken" können: Wenn der Ober im Hotelrestaurant die verschiedenen Gänge des Dinners serviert, lassen einem die Großaufnahmen der Speisen und der gefüllten Weingläser das Wasser im Munde zusammenlaufen. Jacques gibt sich alle Mühe, Annes Herz zu gewinnen, sie zu beeindrucken und ihr eine Aufmerksamkeit zu schenken, die sie bei ihrem Mann seit Jahren nicht mehr erlebt hat. Einmal verschwindet er an einer Tankstelle samt Auto und kehrt mit einem Riesenrosenstrauß zurück. Bei einer Panne packt er einen opulenten Picknickkorb aus, und man speist romantisch am Ufer der Rhône. Im nächsten Hotel verwöhnt Jacques Anne im Gourmetrestaurant mit einem fantastischen Schokoladendessert – er hat sich gemerkt, dass das ihr "geheimes Laster" ist. Im Anschluss reden die beiden – die sich immer näher kommen - über persönliche Dinge, über das Glück im Leben, über Jacques' verflossene Liebe. Zwischendurch ruft auch schon mal Michael an, dem ist die Tatsache, dass seine Frau länger als geplant mit einem Franzosen unterwegs ist, nicht geheuer. In Lyon besuchen Jacques und Anne das Musée Lumière, das den Brüdern Lumière, den Erfindern des Kinos gewidmet ist. Wenn Anne mit dem Guide fasziniert die alten Projektionsapparate aus der Zeit betrachtet, als die Bilder laufen lernten, bietet der Film sozusagen eine kleine Hommage an sich selbst. In Vézelay besuchen Anne und Jacques die Kathedrale Sainte Marie-Madeleine, und dort erzählt Anne mit Tränen in den Augen, dass ihr Baby aus erster Ehe nach 39 Tagen gestorben ist.

Endlich kommt man in Paris an, wo Anne in der Wohnung von Freunden wohnen wird. Jetzt ergreift Jacques – der im Übrigen aufgrund seiner charmanten Art überall Freundinnen hat – seine letzte Chance, gesteht Anne, wie sehr er sie mag, und küsst sie. Anne weist ihn aber ab, und das Ende des Films bleibt offen: Wird sie seiner Einladung folgen, ihn einige Wochen später in San Francisco zu besuchen?

Wie gesagt: Ein unbeschwerter Unterhaltungsfilm, leicht, aber nicht eine Minute langweilig. Die beiden Protagonisten schaffen es von Anfang an, unsere Sympathie auf sich zu ziehen und die zunehmenden gegenseitigen Gefühle zu vermitteln. Wozu auch die Kameraführung (Crystel Fournier) entscheidend beiträgt, insbesondere durch die Großaufnahmen der Gesichter. Diane Lane spielt sehr überzeugend eine immer noch schöne Frau von Mitte fünfzig, die die Avancen der charmanten Lebenskünstlers Jacques durchaus nicht unberührt lassen, und Arnaud Viard steht ihr in schauspielerischer Hinsicht in nichts nach. Die spannende Frage ist: Wird Anne der Verführung widerstehen?

Es ist auch – wie schon angedeutet – in besonderer Weise ein "gastronomischer" Film – übrigens mit biographischem Hintergrund: Angeregt wurde Eleanor Coppola, die sechs Jahre an dem Filmscript gearbeitet hat, durch eine Reise von Cannes nach Paris, die sie 2009 in Begleitung eines Geschäftspartners von Coppola unternommen hatte. Diese Fahrt war für sie angeblich an eye-opening and liberating experience. Filmtechnisch interessant ist die Einblendung zweier berühmter Bilder, die von Jacques erwähnt werden: "Frühstück im Grünen" von Manet und "Tanz in Bougival" von Renoir. Wie ja überhaupt der Film in Bildern und Farben schwelgt, was ihm die südfranzösische sonnendurchflutete Landschaft sowie die kulinarischen Delikatessen leichtmachen.  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Paris kann warten (Bonjour Anne) 
 
USA 2016
Regie & Drehbuch: Eleanor Coppola;
Darsteller: Diane Lane (Anne Lockwood), Arnaud Viard (Jacques Clément), Alec Baldwin (Michael Lookwood), Elise Tielrooy (Martine) u.a.;
Produzenten: Denis Carot, Eleanor Coppola, Marie Masmonteil, Fred Roos; Kamera: Crystel Fournier; Musik: Laura Karpman; Schnitt: Glen Scantlebury;

Länge: 92,58 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih der Tobis Film GmbH; deutscher Kinostart: 13. Juli 2017



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<28.04.2018>


Zitat

"Robby Müller hat das Handwerk und die Kunst der Kameraführung und des Lichtsetzens erneuert und vorangetrieben. Er konnte wie kaum ein anderer in seinen Bildern Stimmungen erfassen und Zustände beschreiben, die mehr über Charaktere erzählten als Dialoge und dramaturgische Strukturen. Er wusste, wie man für eine Geschichte und einen Film ein ganz eigenes Klima erzeugt, in dem seine Figuren im wahrsten Sinne des Wortes 'gut aufgehoben' waren. Für eine Handvoll Filmemacher war er der wichtigste Wegbegleiter."

Regisseur Wim Wenders zum Tode des Kameramanns Robby Müller (04.04.1940 - 03.07.2018)

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