16. März 2007

Amnesie im Wunderland


Pans Labyrinth


Pans Labyrinth

Dass eine hässliche Geschichte durch Schweigen oder Umdeutung nicht besser wird, gilt hierzulande mittlerweile als Binsenweisheit. Deutschlands über sechzigjährige "Vergangenheitsbewältigung" ist von beidem nicht frei, gilt aber im Ausland als beispielhaft. Viele ehemalige Diktaturen tun sich deutlich schwerer mit ihrer geschichtlichen Bürde. Eines dieser Länder ist Spanien, das den Frankofaschismus bisher kaum aufgearbeitet hat. Nichts daran ändern wird sicherlich das visuelle Meisterwerk "Pans Labyrinth", mit dem Guillermo del Toro ein großer Beitrag zur allgemeinen Amnesie gelungen ist.



1944, als Nazi-Deutschland, Mussolinis Italien und das kaiserliche Japan dem Abgrund zusteuern, kappt General Franco die Beziehungen zu den Mitdiktatoren und richtet sich auf die Nachkriegszeit ein. Die kommunistischen Verbände, die gegen sein Regiment kämpfen, können nicht ahnen, dass es noch bis zu seinem Tode im Jahr 1975 währen wird.

Pans Labyrinth: Filmplakat

Es ist diese Zeit, da die kleine Ofelia (Ivana Baquero) mit ihrer hochschwangeren Mutter in einen dunklen Wald kommt. Der werdende Vater und Edelfaschist Capitán Vidal (Sergi López) möchte, dass der "Sohn" in seiner Nähe geboren wird, während er Jagd auf Partisanen macht. Doch ist das nur der oberflächliche Anlass der Reise in die Finsternis. Im Vorspann wird die Geschichte einer Prinzessin aus einer märchenhaften Unterwelt erzählt, die sich einst an die Oberfläche wagte und dort sterblich wurde. Das verträumte Mädchen Ofelia ist diese Prinzessin und ein Waldgeist will ihr den Weg zurück weisen - wenn sie nur standhaft die drei Prüfungen besteht.

Auch wenn der Plot nicht daran erinnert: "Pans Labyrinth" ist eine Adaption von Lewis Carrolls "Alice in Wonderland", wenngleich in einer deutlich düsteren Version. Wie Alice verschließt sich die Tagträumerin Ofelia dem Alltag und flieht in eine märchenhafte Gegenwelt. Im Gegensatz zu der braven Engländerin muss sich Ofelia darin jedoch gegen giftspeiende Kröten und kinderfressende Antichristen behaupten. In der Inszenierung dieser Albtraumwelt liegt die große Stärke des Films. Die grotesk-dunkle Atmosphäre ähnelt den (Animations-)Filmen Tim Burtons ebenso wie dem PC-Spiel "Alice" des Spieledesigners American McGee und dürfte dank der opulenten CG-Bilderwelten bald einen ähnlich legendären Ruf genießen. Dafür dürfte auch der hohe Symbolgehalt des Films sorgen, der reichlich aus Mythen, Märchen und der Bibel schöpft. Soweit wäre Toros Film mehr als nur eine schwarze Perle für Freunde des makaberen Kinos.

Pans Labyrinth

Leider ist da jedoch noch die Handlung im faschistischen Spanien, die Señor del Toro nicht grundlos als Ausgangspunkt seines Märchens gewählt haben dürfte. Darin erspart er dem Zuschauer nichts: Der stahlharte Sadist Vidal erschlägt kaltblütig Unschuldige und foltert grausam präzise Gefangene. So realistisch die Darstellung des faschistischen Terrors ist, so märchenhaft-unreal wird er im weiteren Handlungsverlauf. Wie Ofelia der Märchenlogik nach zurück in ihr verlorenes Paradies findet, so findet auch Vidal sein gerechtes Ende: Seine Truppen werden von den Freiheitskämpfern aufgerieben, er selbst von den vereinten Spanieren erschossen. Symptomatisch ist seine letzte Szene: "Sagt meinem Sohn, wie sein Vater gestorben ist. " "Er wird nicht einmal deinen Namen kennen." - Schuss.

Im Grunde genommen handelt es sich bei "Pans Labyrinth" also um zwei Filme: Ein erstaunliches Märchen für Erwachsene auf der einen Seite, historisches Valium für Spanier auf der anderen Seite. Wären die beiden nicht eng verbunden, ließe sich die dubiose Geschichtsklitterung vielleicht noch übersehen. So aber bleibt nach dem Abspann der üble Nachgeschmack gewisser Riefenstahl-Filme zurück.

 
Thomas Hajduk / Wertung: * * * * (4 von 5)

Quelle der Fotos: Senator


Filmdaten

Pans Labyrinth
(El Laberinto del Fauno)

Mexiko / Spanien / USA 2006
Regie: Guillermo del Toro;
Darsteller: Ariadna Gil (Carmen Vidal), Ivana Baquero (Ofelia), Sergi López (Capitán Vidal), Maribel Verdú (Mercedes), Doug Jones (Pan / der bleiche Mann), Álex Angulo (Dr. Ferreiro), Manolo Solo (Garcés), César Vea (Serrano), Roger Casamajor (Pedro), Ivan Massagué (El Tarta), Gonzalo Uriarte (Francés), Eusebio Lázaro (Pater), Francisco Vidal (Priester Cura), Juanjo Cucalón (Bürgermeister) u.a.; Drehbuch: Guillermo del Toro; Produktion: Álvaro Augustín, Alfonso Cuarón, Bertha Navarro, Guillermo del Toro, Frida Torresblanco; Ausführende Produktion: Belén Atienza, Elena Manrique; Kamera: Guillermo Navarro; Musik: Javier Navarrete; Schnitt: Bernat Vilaplana;

Länge: 114 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; ein Film im Verleih von Senator; deutscher Kinostart: 22.02.2007




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<16.03.2007>  



Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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