04.10.2015

Pan


Pan Wünscht sich irgendwer einen "Peter Pan", wo Hook kein Pirat ist, Tiger Lily keine Indianerin und Wendy gar nicht vorhanden? Falls ja, dann ist die perfekte Unterhaltung für ihn die bombastische Kinoadaption von Joe Wright. Der Regisseur sieht seine Hollywoodisierung von J. M. Barries Kinderbuch wohl als Kühnheit. Tatsächlich ist "Pan" nichts als schnöde Kommerzialisierung, scheinbar gerechtfertigt durch die in einer bizarren Intonation von Nirvana vorgebrachten Forderung einer neuen, verlorenen Generation: "Entertain us!"

Eingefordert wird der "Nevermind" rufende Kinderchor von Captain Blackbeard (Hugh Jackman). Der legendäre Pirat, den Barrie in einer Randnote erwähnt, gibt den Oberschurken des 3D-Abenteuers als überkandidelte Mischung aus Rokoko-Punk und Captain Hook. Der echte James Hook wiederum hat im Prequel zwar schon seinen Spitznamen, aber noch keine Hakenhand. Garrett Hedlund spielt den zukünftigen Widersacher als besten Kumpel Peter Pans und schneidigen Charmeur, mit einer Schwäche für Tiger Lily (Rooney Mara). Die Häuptlingstochter ist hier eine Erwachsene und schlimmer noch, in der Tradition des "whitewashing" (der Darstellung ethnischer Charaktere durch weiße Schauspieler) mittelamerikanisch-hellhäutig. Geradezu zynisch wirkt da, dass Wright und Drehbuchautor Jason Fuchs Hook die Worte in den Mund legen: "Zu wissen, woher man kommt, heißt schon halb zu wissen wer man ist." Die Filmemacher wissen offenkundig nicht, woher ihre Protagonisten kommen. Die Buchvorlage von 1904 dient bloß als Aufhänger für eine uninspirierte Story, deren Figuren mit denen Barries kaum mehr als den Namen gemeinsam haben. Am eklatantesten ist dies bei Peter. Der Titelheld ist nicht die stets im Augenblick lebende Verkörperung kindlichen Übermuts. Stattdessen ist Hauptdarsteller Levi Miller ein großäugiger, im Gegensatz zu Barries als "herzlos" beschriebenem Helden herzensguter Held wie aus einem Roman Charles Dickens.

Pan: Filmplakat Die Anfangsszenen im London während des Blitz erinnern an "Oliver Twist", die Nimmerland-Piraten an "Fluch der Karibik". Der zum mutigen Schlitzohr verniedlichte Hook weckt ungute Erinnerungen an James Franco in einer anderen überflüssigen Kinoversion eines Kinderbuchklassikers: "Oz the Great and Powerful". Aus den Fehlern Sam Raimis hat Wright nichts gelernt. Besessen davon, der zeitlosen Erzählung ein Update zu verpassen, wütet er in Barries Fantasiewelt ebenso erbarmungslos wie Blackbeard auf der Suche nach dem "Pixum" genannten Feenstaub, mittels dessen er sich verjüngt. Ironischerweise wirken sowohl Jackmans schriller Pirat als auch Wrights knalliger Fantasy-Family-Film am erbärmlichsten, wenn sie am hippsten sein wollen. Höhepunkt der aufgesetzten Coolness ist das erwähnte Singen von "Nevermind", das nichts mit der Story zu tun hat (Nevermind – Neverland?). Nachdem die Piraten noch den "Blitzkrieg Bop" der Ramones nachlegen, wähnt man sich fast in einem Musical ohne Songs. Die Settings sehen aus wie fadenscheinige Kulissen, die Kostüme wie aus einer Kinder-Revue. Passend dazu gibt es anders als im Buch nur Cartoon-Gewalt.

Um zu verstehen, warum eine Geschichte sich ereigne, müsse man ihren Anfang kennen, heißt es einmal. Doch die Charaktere und Ereignisse in "Pan" stehen im Widerspruch zu denen des Originals. Von letztem ist "Pan" wohl die missglückteste Version seit Steven Spielbergs "Hook". Der zukünftige Pirat stellt in Wrights Blockbuster zum Ende die Frage, die die Macher wohl nie beschäftigte: "Was könnte schiefgehen?" Die fantasielose Fantasy-Action gibt die Antwort darauf: alles.  

Lida Bach / Wertung: * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Warner Bros.

 
Filmdaten 
 
Pan (Pan) 
 
USA 2015
Regie: Joe Wright;
Darsteller: Hugh Jackman (Blackbeard), Levi Miller (Peter), Garrett Hedlund (Hook), Rooney Mara (Tiger Lily), Adeel Akhtar (Sam Smiegel), Nonso Anozie (Bischof), Amanda Seyfried (Mary) u.a.;
Drehbuch: Jason Fuchs nach den Charakteren von J.M. Barrie; Produzenten: Greg Berlanti, Sarah Schechter, Paul Webster; Kamera: John Mathieson, Seamus McGarvey; Musik: John Powell; Schnitt: William Hoy, Paul Tothill;

Länge: 111,51 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Warner Bros.; deutscher Kinostart: 8. Oktober 2015



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<04.10.2015>


Zitat

"Kein guter Film ist zu lang und kein schlechter Film ist kurz genug."

US-Filmkritiker Roger Ebert (+ 2013)

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