05.04.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Forum

P.S. Jerusalem


Niemals dorthin zurückkehren. Diesen Rat bekam Danae Elon von ihrem Vater, dem emigrierten israelischen Autor Amos Elon. Doch ein Mensch kann sich nicht aussuchen, wo er sich zu Hause fühlt. Nach dem Tod des Vaters hält die Filmemacherin nichts mehr in den USA, nicht die Jahrzehnte, die sie dort verbrachte, und nicht die Kinder, dort großgeworden sind. In ihrem filmischen protokolliert Elon die persönlichen Konflikte der Rückkehr in ein von politischen Konflikten geschütteltes Land.

Es fällt schwer, das Unterfangen nicht als journalistischen Selbstzweck zu sehen. Die emotionalen Gründe, die von der Regisseurin ausgeführt werden, sollen diesen Eindruck zerstreuen: "Ich habe versucht, in ihren Herzen einen Ort zu erschaffen, wo sie stolz auf das sein können, was sie sind." Aber wächst das Gefühl von Identität und Zugehörigkeit nicht viel mehr durch das soziale Umfeld aus Freunden und Familie, statt dass es sich automatisch an einem bestimmten Ort einstellt? Schon der Unwille der Kinder lässt die angeblichen Zielsetzungen der Regisseurin scheinheilig wirken. Ihre Sehnsucht nach Jerusalem und, wie sie sagt, vor allem der Wüste, die sie am meisten vermisst habe, werden in ein romantisierendes Licht gerückt. Doch dieses plakative Fernweh erscheint erst recht als ein konstruiertes Motiv, um mit den Kindern als Protagonisten ein Aufmerksamkeit weckendes Reise-Journal zu inszenieren. Ihre eigene Verbundenheit mit der Heimatstadt setzt sie in Kontrast zu den Anpassungsschwierigkeiten der Kinder und des algerisch-französischen Mannes. Ihr Leben an einem nicht näher bestimmten Ort in Jerusalem könnte von dem in Brooklyn kaum verschiedener sein. Doch das ist wohl der Sinn des Umzugs, denn wovon würde der den Zeitraum von vier Jahren umspannende Film sonst handeln?

Die ideologischen und politischen Konflikte in der Region sorgen von allein dafür, dass der an sich wohl wenig aufregende Alltag der Bourgeoisie plötzlich relevant ist. Die Kamera ist immer dabei. Wenn die Kinder durch die unterschiedlichen Nachbarschaften der Stadt laufen, in denen die Sprache der als feindlich betrachteten Gruppe nicht gesprochen werden darf. Wenn sie in Ost-Jerusalem eine Demonstration palästinensischer Aktivisten gegen jüdische Siedler erleben. Wenn der älteste Sohn hin- und hergerissen ist, ob er zu einer Feier seiner jüdischen Mitschüler gehen soll oder zu einer zeitgleichen Feier mit seinen palästinensischen Freunden. Die Kinder stellen Fragen zu den Ursachen der Auseinandersetzungen und der Gewalt. Krieg in Kinderaugen hat immer etwas rührendes, das ist der Regisseurin sehr wohl bewusst. Wenn die Jungen Gasmasken aufsetzen und bei einem Fliegeralarm in der Schule zum Bunker rennen, ist sie dabei. Berichterstattung im Herzen des Krisenherds und dem Herzen einer Familie: so effekthascherisch wie es klingt fühlt es sich leider auch oft an. So manche der Bilder verfehlen ihre Wirkung auf den Zuschauer nicht. Wie man private Stories lukrativ inszeniert, hat sie zuletzt in "Partly Private" über die familiäre Debatte über die Beschneidung ihres ungeborenen Sohnes vorgemacht.

Auch "P.S. Jerusalem" dreht sich indirekt fast immer um Elon, die ihre Gefühle und Reaktionen zur Grundlage der Handlung macht. So erscheint "P.S. Jerusalem" letztlich in mehrerer Hinsicht als Selbstinszenierung, der man den guten Willen nicht immer abnimmt.  

Lida Bach / Wertung: * * (2 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
P.S. Jerusalem (P.S. Jerusalem) 
 
Kanada 2015
Regie & Kamera: Danae Elon;
Drehbuch & Schnitt: Sophie Farkas Bolla; Produzenten: Paul Cadieux; Musik: Olivier Alary;

Länge: 87 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Der Film im Katalog der Berlinale
<05.04.2016>


Zitat

"Kein guter Film ist zu lang und kein schlechter Film ist kurz genug."

US-Filmkritiker Roger Ebert (+ 2013)

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