05.10.2015
Ein Film auf dem Filmfest Hamburg 2015 (01.-10.10.2015), Sektion Voilà!

Our Loved Ones


Our Loved Ones Die Ernsthaftigkeit der Lage wird einem im ersten Augenblick gar nicht bewusst. Es ist schließlich düster, Gestalten huschen durchs Bild, mehr Schatten als klare Umrisse sind zu sehen. Und dann blickt man in das angestrengte Gesicht von André, der seinen von der Decke baumelnden Vater hält, bis der leblose Körper von seiner Schlinge befreit ist. Die schlimme Nachricht überbringt er kurz danach, doch nicht in ihrer verzweifelten Gänze. Schließlich ist David sensibel. Als Nachlass erhält David das Werkzeug seines Vaters – mehr braucht er nicht, weil er doch sonst alles hat, wie sein Bruder ohne seine Eifersucht weiter zu verbergen später ihm entgegenschleudern wird.

So schnell wie die Schwere und Dramatik den Film eröffnet, so zügig kehrt die Leichtigkeit wieder hinein. David ist ein sanfter Mensch, der sein Leben mithilfe der ihn umgebenden Nächsten umarmen und lieben kann. Die Begegnungen mit Geschwistern, Mutter, künftigen Frau und schließlich seinen Kindern lassen ihn auflächeln und erstrahlen. Der Alltag mit seiner kurzweiligen und doch tiefgreifenden Romantik plätschert für ihn dahin, erfüllt ihn mit Freude. "Du gewinnst eben immer", faucht André verächtlich und bringt zu jedem gezeigten Familienfest eine neue Flamme mit.

Anne Émond zeichnet ein sehr liebevolles Bild des Familienvaters. David ist ein friedliebender und sanfter Mensch. Nicht einmal einen Hasen kann er ohne Schuldgefühle töten. "Los, lauf! Spürst Du die Gefahr nicht?" fragt David verwundert den Hasen und wartet einige Sekunden während das Tier seelenruhig vor ihm im Moos sitzt. Émond stößt ihr Publikum nicht direkt auf die Gründe für die Lebensentscheidung ihres Vaters. Im Verlauf kann man lediglich erahnen, warum er seinen Weg so und nicht anders bestritten hat. Auch wenn sie seinen Pappkarton mit Erinnerungen und kleinen Habseligkeiten durchforstet vermag sie keine Antworten zu finden. Mit einer Reise nach Barcelona und vielen Stunden stiller Kontemplation stößt sie auf die Botschaft ihres Vaters.

Our Loved Ones Der gesamte Film ist eigentlich eine liebevoll dargestellte Reise durch die Familiengeschichte der Leblanc. Jede einzelne Episode gibt die Lebensentscheidungen und neue Wege ihrer Mitglieder wieder. Jedes Mal liegen einige Jahre dazwischen und doch schafft es Émond den Film wie einen durchgehenden Fluss wirken zu lassen. Laurence wird immer älter, größer und doch erkennt man sie auf den ersten Blick in jeder Szene. Durch den sanften Fluss auf der Leinwand wirkt es beinahe, als ob Émond bei Kaffee und Kuchen über ihr Leben erzählt und dabei Anekdoten erzählen möchte, die jeder von uns mit einem Schmunzler oder Lacher gern von uns preisgibt. Erinnerst du dich, wie ich dich auf einen gefrorenen See geführt habe und wir es knacken hörten? Und du dich so fürchterlich erschreckt hast, als ich sagte, dass es doch nicht sicher ist. Weißt du noch? Es sind diese Augenblicke aufflammender Gefühle, die diesen Film auf eine so wunderbare Weise sympathisch und zart erscheinen lassen.

Eine Familiengeschichte, die trotz oder gerade wegen ihrer Schicksalsschläge einen so milde stimmt und Lust auf das Leben macht, um – wie sich die Großmutter ausdrückt – die, die wir lieben alt werden zu lassen.  

Margarethe Padysz / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

Quelle der Fotos: WIDE Management Enterprise

 
Filmdaten 
 
Our Loved Ones (Les êtres chers) 
 
Kanada 2015
Regie & Drehbuch: Anne Émond;
Darsteller: Maxim Gaudette, Karelle Tremblay, Valérie Cadieux, Mikael Gouin u.a.;
Produzenten: Sylvain Corbeil, Nancy Grant; Kamera: Mathieu Laverdière; Musik: Martin Léon; Schnitt: Mathieu Bouchard-Malo;

Länge: 102 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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