20.01.2010

Trostloses Quarterlife

Our Fantastic 21st Century

Mit dem Geld und den Träumen ist es so eine Sache – irgendwie wollen sie nicht so recht zusammenpassen. Solange Su-young im Supermarkt nur Flaschen einräumt, reicht ihr Lohn nicht aus, um sich endlich eine Schönheitsoperation zu finanzieren. Erst, als sie über einen zentralen Rechner das Preissystem manipuliert und die billig erstandene Ware illegal weiterverkauft, rückt die ersehnte Behandlung in greifbare Nähe. Doch Su-young wird nun selbst bestohlen – als sie eines Tages nach Hause kommt, hat sich ihr Freund mit der ergaunerten Summe aus dem Staub gemacht.

Dass es sich lohnt, das Augenmerk auf den koreanischen Autorenfilm zu richten, ist allerspätestens seit Chan-Wook Parks "I'm a Cyborg, but that's okay" kein Geheimnis mehr. Vor drei Jahren gewann Park bei der Berlinale mit diesem verrückt-ironischen Spektakel den Alfred-Bauer-Preis für "neue Perspektiven in der Filmkunst". Auch sein Landsmann Kim Ki-duk machte wiederholt Eindruck – und wurde 2004 für sein mit ungewöhnlichen Mitteln fesselndes "Samaria" als bester Regisseur ausgezeichnet. Wie verhält es sich also mit dem koreanischen Filmnachwuchs, in diesem Fall mit dem 1974 geborenen Ryu Hyung-ki?

An seinem Debüt "Neo-wa na-eui i-shib-il-seki" ("Our Fantastic 21st Century") fällt vor allem eines auf – die totale Verlorenheit seiner Hauptfigur, deren matter Taumel durch das Leben ausschließlich vom Willen zum Geld geprägt ist. Der Kredithai Jae-beom (Lee Hwan) hilft ihr zwar kurzfristig aus der Patsche, als ihre Supermarkt-Gaunerei aufzufliegen droht. Allerdings ist er selbst zu haltlos und kaputt, als dass zwischen den zwei Einsamen eine wirkliche Nähe entstehen könnte. Nur durch Verbrechen scheint man in dieser tristen Welt an Geld kommen zu können – und so sind auch die Scheine, die Su-young schließlich die Operation ermöglichen, von Blut befleckt.

Regisseur Ryu will seinen Erstling als Porträt der Werte und Lebensweisen der Mitte-Zwanzig-Jährigen verstanden wissen. Folgt man ihm darin, dann handelt es sich um eine in einer extremen Trostlosigkeit gefangene Generation. Deren Quarterlife Crisis hat keinen Tiefpunkt, nach dem es wieder aufwärts ginge – so ist die Frustration stets präsent, kann nicht abebben. Han Soo-yeon verkörpert Su-young, diese erstarrte und immer mehr erstarrende junge Frau, mit einer Miene, in der sich weder Schuldgefühle noch Sehnsüchte widerspiegeln. Wohl auch deshalb greift die Vorstellung nicht, dass durch mehr Geld oder einen perfekteren Körper in Su-youngs Leben irgendetwas komplett anders würde. Man ahnt, dass die Realisierung ihres Wunsches keinen tiefgreifenden Wandel bewirken kann. Dieser Weg in die Aporie ist sehenswert, auch wenn die Distanz, mit der Ryu seine Figuren behandelt, seinen Film mitunter sperrig wirken lässt.  

Jasmin Drescher / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Our Fantastic 21st Century
(Neo-wa na-eui i-shib-il-seki)
Südkorea 2009

Regie & Drehbuch: Ryu Hyung-ki; Kamera: Hyun-ok Kim;
Darsteller: Choi Bo-eun, Han Su-yun, Lee Hwan, Hyun-ho Shin u.a.

Länge: 83 Minuten; Ein Film in der Sektion Forum der Berlinale 2010



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe