11.02.2013
Nimmerland ist abgebrannt

Ödland
- Damit keiner das so mitbemerkt


An Autos seien die Kinder nicht gewöhnt, erklärt eine Frauenstimme aus dem Off, während die Kamera über ein gesichtsloses Stadtrandgebiet streift. B/W steht im Presseheft von Anne Koduras scharfsichtigem Dokumentarfilm, doch die Bilder ihres abendfüllenden Debüts sind nicht schwarz-weiß, sie sind grau. Grau gibt es viel in dem deutschen Niemandsland, von dem "Ödland" seinen Titel nimmt und durch dessen Außenzonen die Filmautorin ihren jungen Protagonisten folgt.

Ödland - Damit keiner das so mitbemerkt Der 11-jährige Mustafa ist der älteste der Kindergruppe, die auf dem überwucherten Fußballplatz herumhockt, an den Tischtennisplatten ohne Netz, Schläge und Tischtennisball Pingpong zu spielen versucht und so tut als lägen Tretminen auf dem einsamen Trampelpfad. Er führt zu den verfallenen Baracken und Sowjetruinen auf dem ausgedienten Kasernengelände. Dort steht der schäbige Plattenbau, in dem die Kinder und ihre Eltern untergebracht sind. Kaum besser, scheint es, als einst die Soldaten. Dass die Bedrohung durch das Militär der Grund für ihren Flüchtlingsstatus ist, macht die Einquartierung in einem ehemaligen Armeelager zu einer grotesken Pointe. "Manchmal bin ich froh, dass wir sicher sind und meine Kinder bei mir. Aber manchmal ist mein einziger Wunsch, dass wir dieses Gefängnis endlich verlassen können", erzählt eine Frauenstimme bitter.

Die Sprecherin, deren Gedankenmonologe die Trostlosigkeit vage in Akte unterteilen, bleibt unsichtbar. "Ödland" gehört den Kindern. Sie ziehen mit Vorschlaghammer und Werkzeug in die Ruinen, wo sie kaputte Röhrenfernseher und Computer ausweiden. Andere waren schon vor ihnen da, aber trotzdem finden sie noch ein paar Reste Kupfer. Davon genug und das Geld für Pfandflaschen, dann reicht es zu Silvester vielleicht für Kinderbowle und Böller. Aber wer weiß, sagt einer von ihnen, ob sie da überhaupt noch zusammen sind. Die schnörkellosen Szenen, denen trotz allem eine herbe Poesie innewohnt, berichten allein durch ihre visuelle Ausdruckskraft ohne erklärenden Außenkommentar und Rahmenkulisse. Eine solche würde lediglich verklausulieren, was gen Ende die Frauenstimme zusammenfasst: "Unser Leben besteht aus essen, trinken und schlafen. In den letzten zehn Jahren hat dieses Dasein uns keinerlei Freude gegeben." Das niederschmetternde Fazit ist Resultat einer Politik der gezielten Desintegration.

"Es macht keinen Sinn Menschen, die ausreisepflichtig sind, zu integrieren. Sie in die Gemeinden zu schicken wäre unendlich kontraproduktiv", zitiert Kodura Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann. "Wir wollen erreichen, dass sie freiwillig gehen." Im Fall von Mustafa, Momo und Aya war das antinomische Konzept menschenunwürdiger Menschenrettung erfolgreich. Sie gehen freiwillig. Wohin immer der mit der hochgepriesenen Kriegshilfe überforderte Staat sie schickt: in eine neue Grauzone namens "befristeter Aufenthaltsstatus" oder die spiegelgleiche Tristesse einer Sozialbausiedlung. Der Weg in eine selbstbestimmte Zukunft, und sei es nur die als KFZ-Mechaniker, die Mustafa sich wünscht, ist den Protagonisten hingegen verschlossen. Sie sind Flüchtlinge und bleiben es, solange sie die soziale Gemeinschaft in umzäunte Exilgebiete steckt.  

Lida Bach / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Friede Clausz

 
Filmdaten 
 
Ödland - Damit keiner das so mitbemerkt  
 
Deutschland 2013
Regie: Anne Kodura;
Drehbuch: Anne Kodura, Friede Clausz; Produzenten: Anne Kodura, Friede Clausz; Produktion: DIE ZONE # Filmproduktion; Kamera & Schnitt: Friede Clausz;

Länge: 79 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt
ein Film auf der 63. Berlinale 2013 in der Sektion Generation Kplus



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der Film im Katalog der 63. Berlinale 2013
<11.02.2013>


Traueranzeige

verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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