02.10.2019

Ob ihr wollt oder nicht!

Die etwa 30-jährige Laura (Katharina Schubert) leidet an Krebs im Endstadium. Da ihre Chancen auf Heilung überaus gering sind, bricht sie die Chemotherapie ab, verlässt ihren Ehemann und reist in ihr altes Elternhaus, wo sie in Ruhe sterben will. Doch besonders Lauras Mutter (Senta Berger) ist der plötzliche Einfall ihrer Tochter unangenehm. Sie will die Tochter zu einer Fortführung der Therapie bewegen und informiert zu diesem Zweck die drei Schwestern Lauras. Eine nach der anderen reist an: die beruflich erfolgreiche, frisch geschiedene Susanne (Christiane Paul), die unglücklich verheiratete Corinna (Anna Böger) und Toni (Julia-Maria Köhler), das freigeistige und unstete Nesthäkchen. Das Treffen im alten Elternhaus – noch dazu in einer solchen Extremsituation – lässt die inneren Konflikte der Familienmitglieder ausbrechen.

Die zerrüttete Familie ist im Independent- oder Arthouse-Bereich eines der gängigsten Filmmotive. Es wird immer wieder aufgegriffen, um psychologische Abgründe in einer kammerspielartigen Situation auszuloten, wobei es eine der wichtigsten Regeln ist, dass in der jeweiligen Familie tiefe Konflikte schwelen, die nach außen hin zwar verdeckt werden können, im Inneren aber zunehmend eskalieren. Eine ebensolche, man möchte sagen: standardisierte, Konstellation nutzt auch Ben Verbong in seinem tragikomischen Familienporträt "Ob ihr wollt oder nicht!".

Leider bedient er sich besonders bei der Zeichnung von Lauras Schwestern zu vieler Klischees, um das Motiv ausreichend zu variieren oder attraktiv zu machen. Die jeweiligen Probleme der Figuren wirken zu übergestülpt, zu arrangiert und daher auch zu wenig glaubhaft. Dazu kommt der leichte Ton des Films, der dem Drama nicht immer, allenfalls in Ausnahmefällen, gerecht wird.

"Ob ihr wollt oder nicht!" spricht zwar mitunter heikle Themen wie Sterbehilfe an und beweist dabei ab und an auch Fingerspitzengefühl. Um aber ein durchweg guter Film zu sein, fehlt dem Drama die Eigenständigkeit und Intensität. Da sich die Lebenskrisen und emotionalen Erstarrungen der Familienmitglieder beinahe durchweg an der Oberfläche abspielen und sich nicht aus diesen heraus entwickeln, driftet "Ob ihr wollt oder nicht!" in den meisten Szenen in eine ambitionierte Belanglosigkeit ab. Da können auch die gut aufgelegten Darsteller nichts mehr rausholen.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn



Filmdaten

Ob ihr wollt oder nicht!


Deutschland 2009
Regie: Ben Verbong;
Darsteller: Katharina M. Schubert (Laura Brühl), Julia-Maria Köhler (Toni Brühl), Christiane Paul (Susanne Brühl), Anna Böger (Corinna Brühl), Senta Berger (Dorothea Brühl), Jan Decleir (Henning Brühl), Jan-Gregor Kremp (Peter), Mark Waschke (Paul), Kilian Schüler (Zach), Nina Siebertz (Ada), Huub Stapel (Vater Dietz), Uwe Rohde (Friedhofswärter Hinrichsen), Therese Hämer (Ärztin), Jamie Bick (Katharina) u.a.;
Drehbuch: Karin Howard, Katja Kittendorf nach der Idee von Anita Elsani und Traci McWain; Produzenten: Anita Elsani, Ulf Israel; Kamera: Theo Bierkens; Musik: Konstantin Wecker; Schnitt: Menno Boerema;

Länge: 110 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 30. April 2009



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Schauspieler Gregory Peck (1916 - 2003) über die Rechte von Homosexuellen

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