21.02.2013
Über den Dächern von Nizza

Nono, Het Zigzag Kind


Nono, Het Zigzag Kind / The Zigzag Kid: Thomas Simon, Burghart Klaussner "Ob man es so will oder nicht, jeder hat eine Familie", weiß der aufgeweckte Nono (Thomas Simon). Seine besteht normalerweise aus seinem Vater Jacob (Fedja Van Huêt), dem besten Inspektor der Welt, und Gaby (Jessica Zeylmaker), die seit Nonos Babyzeit bloß Jacobs Sekretärin ist – offiziell. Um das zu ändern bräuchte sie den Schal ihrer Lieblingssängerin Lola Chiperola (Isabella Rossellini) und einen der Blitz-Anhänger, die Superverbrecher Felix Glick (Burghart Klaussner) am Tatort hinterlässt. Beides rückt kurz vor Nonos Bar Mitzvah zum Greifen nah. Ein mysteriöser Brief konfrontiert den kindlichen Helden mit der Frage: "Wer bin ich?"

Die Antwort gibt der Titel von Vincent Bals turbulentem Kinderabenteuer "Nono, Het Zigzag Kind". Vorlage des filmischen Schelmenromans ist der literarische des israelischen Autors David Grossmann. Den Einfallsreichtum dessen gleichnamigen Kinderbuchs kontert der belgische Regisseur mit der ganzen Palette spielerischer Kinoversatzstücke von Verfolgungsjagden zu Fuß wie in der Eröffnungsszene oder später mit dem Auto, Familiengeheimnissen, verschlüsselten Botschaften, Tarnverkleidungen, Schießereien, Juwelendiebstahl und einer vorwitzigen Hatz durch eine Schokoladenfabrik fast wie die, in die es Roald Dahls "Charlie" verschlägt. "Abenteuer ist nicht Abenteuer ohne Verfolgung", meint Glick, der Nono vor Nizzas grandioser Kulisse auf die richtige Fährte führt: "Ein großer Inspektor sollte ein großes Rätsel lösen, bevor er eine Belohnung bekommt." Da Nonos Vater der weltbeste Inspektor ist, kann Nono sich nur behaupten und abgrenzen, indem er den Konkurrenten zum Gegenspieler macht.

Nono, Het Zigzag Kind / The Zigzag Kid: Isabella Rossellini Besser als einen unerreichbaren Vorläufer einholen zu wollen, ist eine eigene Richtung einzuschlagen, lautet die rührige Botschaft, die der belgische Regisseur vor lauter Begeisterung für die Geschichte und deren filmische Verwandlung unterwandert, ohne es überhaupt zu bemerken. Anders geht es dem Zuschauer, dem sich die flotte Fantasterei zusehends als Tünche über den erzählerischen Widersprüchen enthüllt. Tatsächlich ist Nonos Weg eine Variation des Weges seines Vaters. Er wählte die diametrale Laufbahn zum Supergesetzesbrecher und wurde Supergesetzeshüter. Als solcher reizen ihn seine verleugneten Wesenseigenschaften, verkörpert durch die diebische Zohara. Nonos Mutter ähnelt in ihrer Theatralik wiederum ihrer Mutter. Die erschuf sich das Alter Ego der Diva zum Ausgleich des Parts der Hausfrau und Gattin. Das Kreieren verwegener Rollen ist der Berührungspunkt der Charaktere, die mittels Fantasie dem Alltagstrott entkommen – bis auf Zohara. "Ich brauche ein großes Leben wie in einem Buch, wie in einem Film", sagt sie und Bal ist bedacht, ihren Wunsch als verlockende Unbekannte in "Nono, Het Zigzag Kind" zu erfüllen.

Sein Aufbegehren gegen nüchterne Pragmatik ist indes wie ihres zum Scheitern bestimmt. Während Bal Übermut und befreiendem Ungehorsam nur in der Einbildung triumphieren lässt, ist Zoharas Rebellion aufrichtig. Sie sucht einen realen Gegenentwurf zur bürgerlichen Tristesse. Als ihr die unerträglich wird, kehrt sie ihr den Rücken. Ihr Entschluss ist ein Schock für Nono, doch noch mehr für die Handlung, die eilig das konforme Familienideal rekonstruiert. Es steht umso fester auf dem von Beziehungsruinen bereinigten Fundament. Dieser desillusionierende Konsens an Kitsch und Massengeschmack kann das charmante Ensemble nicht ausgleichen. Für den locker-leichten bis seichten Kinderfilm gelten die Zeilen aus Isabella Rossellinis Schlusssong: "You´re no exeption to the rule."  

Lida Bach / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Berlinale

 
Filmdaten 
 
Nono, Het Zigzag Kind / The Zigzag Kid (Nono, Het Zigzag Kind) 
 
Niederlande / Belgien 2012
Regie: Vincent Bal;
Darsteller: Isabella Rossellini (Lola), Burghart Klaussner (Felix), Thomas Simon (Nono), Fedja van Huêt (Jacob), Camille de Pazzis (Zohara), Jessica Zeylmaker (Gaby) u.a.;
Drehbuch: Vincent Bal, Jon Gilbert nach dem Buch "The Zigzag Kid" von David Grossman; Produzenten: Burny Bos, Els Vandevorst; Kamera: Walther Vanden Ende; Musik: Thomas de Prins; Schnitt: Peter Alderliesten;

Länge: 95 Minuten; deutscher Kinostart: noch nicht bekannt
ein Film in der Sektion Generation Kplus der 63. Berlinale 2013



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der Film im Katalog der 63. Berlinale 2013
<21.02.2013>


Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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