4. April 2002

Die Gans im Menschen

Nomaden der Lüfte

Glaubt man den diversen Umfragen zum Konsumverhalten der Bevölkerung, so werden die meisten Menschen an den Kinokassen sich spontan entscheiden, welchen Film sie sich ansehen werden. Wie dem Kind die Süßigkeiten, werden dem Kinogänger die Filme mit bunten Plakaten schmackhaft gemacht; das Produkt Film wartet auf seinen Konsumenten. Seit einigen Wochen zieren nun auffallend viele Plakate von Jacques Perrin neuem Werk "Nomaden der Lüfte" die Litfasssäulen der Städte, die uns dazu bewegen sollen eine Kinokarte für einen Tierfilm zu lösen. Im Fernsehzeitalter, wo fast täglich Filme über allerlei Getier über die Mattscheibe flimmern, fällt es sicher schwer, die Menschen mit Zugvögeln und deren Verhalten zu faszinieren. Nun aber zeigt sich bei unseren Nachbarn in Frankreich ein schon fast erstaunliches Phänomen, der Film ist ausgesprochen erfolgreich angelaufen.

Nomaden der Lüfte: Filmplakat Jacques Perrin, dem schon mit "Mikrokosmos - Das Volk der Gräser" ein erstaunlicher Film gelungen ist, hat keinen gewöhnlichen Tierfilm gedreht. Er vermeidet sogar klassische Regeln des Tierfilms, indem er weitgehend auf die üblichen Erklärungen verzichtet. Kurze Einblendungen versorgen den Zuschauer mit dem Nötigsten, den Namen des Vogels, der gerade gezeigt wird, und deren teilweise enormen Flugstrecken. Warum man sich diesen Film anschauen sollte, sind die beeindruckenden Bilder, die mit Hilfe von 14 Kameraleuten in Ultraleichtflugzeugen gedreht wurden. Scheinbar Auge in Auge mit dem Tier, verfolgt die Kamera den Weg der Vögel quer über die Kontinente, bleibt aber stets im Hintergrund, optische Spielereien werden vermieden, wodurch der Zuschauer die Möglichkeit hat sich ganz auf die Bewegungen der Tiere zu konzentrieren. Den Landschaftsaufnahmen mutet etwas bühnenhaftes an, die Vögel bleiben im Vordergrund. Durch den fehlenden Kommentar, entsteht somit eine ungewöhnlich dynamische Filmsprache, die dem Zuschauer Freiraum zu persönlicher Interpretation gibt. Wenn man nicht gerade über ornithologische Kenntnisse verfügt, versteht man die meisten gezeigten Verhaltensweisen der Tiere nicht, was die Qualität des Filmes nicht schmälert.

Jacques Perrins Film macht ohnehin nicht den Eindruck, als wolle er eine wissenschaftliche Abhandlung über das Verhalten der Zugvögel sein, vielmehr möchte er gezielt Emotionen beim Zuschauer wecken und ihm zu erkennen geben, das zwischen Tier und Mensch eine enge Verbindung steht. Man begleitet 44 verschiedene Vogelarten und in jeder Szene des Werkes läßt uns teilhaben an Problemen, die uns Menschen allzu bekannt vorkommen. In einer Szene entbrennt ein heftiger Streit zwischen zwei Albatrossen, die sich fatalerweise direkt nebeneinander einen Nistplatz eingerichtet haben. Lautes Geschrei und Drohgebärden gegen den Feind von Nebenan wecken in einem Bilder, die nicht nur zufällig an den eigenen verhassten Nachbarn mit seinen störenden Eigenarten erinnern. Nach diesem Prinzip funktioniert der gesamte Film. Durch das Ausbleiben eines stringenten Handlungsablaufes, durch den collagenartigen Aufbau, bleibt dem Zuschauer nur der Schlüssel der Reflexion, um sich den Film zu erschließen. Ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben, geht der Zuschauer mit dem Gesehenen eine Verbindung ein, die ihn dazu veranlassen selbst aktiv zu werden. Die Anstrengung der Tiere während des Fluges interpretieren wir nicht zuletzt als einen enormen Freiheitswillen, den Drang sich die Welt zu erobern. Ein Thema, was auch ein tiefes menschliches Bedürfnis darstellt, und sich auf die Tiere übertragen lässt. Was die Vögel nun wirklich fühlen, was in ihnen vorgeht, das kann und will der Film auch nicht klären. Doch wenn die Zugvögel die tiefen Häuserschluchten der Großstädte überfliegen, und lärmende Industrieflächen hinter sich lassen, stellt sich für uns die Frage wo unsere Möglichkeiten liegen sich wirklich frei zu fühlen. Bis wir eine Antwort gefunden haben, bleibt uns nur ein Blick zum Himmel, oder der Gang ins Kino um eine Karte für diesen wirklich gelungenen Film zu lösen.  

Matthias vom Schemm / Wertung: * * * * (4 von 5)

Quelle des Filmplakats: Kinowelt


Filmdaten

Nomaden der Lüfte
(Le Peuple migrateur)

Frankreich / Deutschland / Spanien 2001
Regie: Jacques Perrin ("Mikrokosmos - Das Volk der Gräser");
Kamera: Michel Benjamin, Sylvie Carcedo, Laurent Charbonnier, Luc Drion, Ernst Sasse, Fabrice Moindrot, Michel Terrasse; Musik: Bruno Coulais; Produktion: Jacques Perrin und Christophe Barratier;

Länge: 106 Minuten, Farbe, FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Kinowelt Filmverleih



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("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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