06.02.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Kulinarisches Kino

Noma - Ein Blick hinter die Kulissen des besten Restaurants der Welt


"Essen ist alles", heißt es einmal in Pierre Deschamps' abendfüllender Lobeshymne auf das Kopenhagener Gourmet-Restaurant Noma. Solche Aussprüche klingen, als ob jemand zu oft "Die kleine Raupe Nimmersatt" gelesen hat und das Kinderbuch einen Tick zu ernst nahm. Doch der filmische Blick hinter die Kulissen des Weltspitzen-Lokals geht mit seiner Ideologisierung der Nahrung und ihrer Zubereitung noch weiter: "Essen ist eine Metapher dafür, wie wir mit der Welt interagieren."

Noma - Ein Blick hinter die Kulissen des besten Restaurants der WeltFalls dies zutrifft, erschließt sich aus der Art und Weise, wie im Noma mit Essen umgegangen wird, kein schmeichelhafter Eindruck von dessen Chefkoch René Redzepi. Er serviert in seinem oft Monate im Voraus ausgebuchten Gourmet-Tempel zu schwindelerregenden Preisen Menüs, deren einzelne Gänge irgendwo zwischen einem Stück frisch eingesammelter Natur (lebendige Ameisen) und nordischer Hausmannskost liegen. Die Namen auf der Karte changieren zwischen überkandidelt und lächerlich: Appetit auf "Mahagoni-Schwertmuschel und Körner" und "Neue Dänische Kartoffel und Nessel"? Wer herausfinden will, ob Gerichte wie "Öland Weizen und jungfräuliche Butter" tatsächlich Köstlichkeiten sind oder bloß Kuriositäten, zahlt für ein Menü mehrere hundert Euro. Frische Ameisen kann man auch preiswerter haben. Doch solche Gedanken sind für Deschamps, dem man die Ehrfurcht vor Redzepi in jeder Einstellung anmerkt, vermutlich Ketzerei. Wenn die Kamera nicht pompöse Zeitlupenbilder vom Kochhandwerk zeigt, lauscht sie Redzepis großspurigen Ausführungen: Essen erzähle eine Geschichte, Küchenchefs erfinden die Sprache und Zutaten seien das Alphabet. Solche Reden zwischen Binsenweisheit und Größenwahn geben weder ein authentisches Porträt des Menschen Redzepi, noch liefern sie eine neue Erkenntnis über Kochkunst.

Noma - Ein Blick hinter die Kulissen des besten Restaurants der Welt Die Küche setzt auf regionale, saisonale Zutaten, aber diesen Trend hat Redzepi weder erfunden, noch setzt er ihn besonders einzigartig um. Vielmehr scheint der Ruhm des fünfmal, davon viermal in Folge zum besten der Welt gewählten Restaurants eine Art Perpetuum Mobile. Wenn etwas so berühmt, begehrt und teuer ist, muss es einfach gut sein, lautet die simple Schlussfolgerung, die auch der Zuschauer glauben soll. Essen ist hier eine ultra-materialistische Spielerei, an der nur eine kleine Elite Teil haben darf. Die Preise garantieren, dass nur Superreiche und die ranghöchsten Gourmet-Kritiker einen Tisch bekommen. Man fragt sich unwillkürlich, ob diese systematische Ausschließung Redzepis Rache für seine eigene Ausgrenzung als Kind eines mazedonischen Vaters und einer dänischen Mutter ist. Deschamps will nicht analysieren, sondern idealisieren. Dabei braucht man weder die Küche, noch Redzepis Biografie tiefenpsychologisch zu untersuchen, um einen unguten Eindruck von seiner Geringschätzigkeit gegenüber Normalsterblichen zu bekommen. Den Medien zeigt er gern den Mittelfinger. Was bei einem Rockstar vielleicht cool rüber kommt, wirkt bei einem Chefkoch bestenfalls lächerlich. Sein Küchenpersonal staucht er in persönlich verletzender Art zusammen. Aber das ist okay, suggeriert Deschamps, denn der Mann ist ein Genie.

Aber nennt ein Genie sein Restaurant wie eine Infektionskrankheit? Oder war das ein raffinierter Hinweis auf den Ausbruch des Norovirus, der 2013 dazu führte, dass mehr als 60 Gästen das Essen buchstäblich zum Kotzen fanden. Auch einen Magen-Darm-Infekt kriegt man billiger. Aber solche Desaster legt die Reportage diskret beiseite. Vermutlich war damals Redzepis einziger Fehler, dass er den Betroffenen die Überraschungszutat nicht nachträglich extra in Rechnung stellte. Ob er glaube, dass es so etwas wie ein "Bestes Restaurant der Welt" überhaupt gebe, wird der Star einmal gefragt. "No, it's fucking ridiculous." Das gleiche gilt für die überflüssige filmische Huldigung.  

Lida Bach / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Pierre Deschamps

 
Filmdaten 
 
Noma - Ein Blick hinter die Kulissen des besten Restaurants der Welt (Noma - My Perfect Storm) 
 
Großbritannien / Dänemark / Spanien 2015
Regie, Drehbuch und Kamera: Pierre Deschamps;
Mitwirkende: René Redzepi, Claus Meyer, Ferran Adria, Paul Cunningham, Tor Nørretranders u.a.;
Produzentin: Etta Thompson Deschamps, Documentree Films Ltd., Brighton; Musik: Frans Bak, Keld Haaning Ibsen; Schnitt: Mike Brook;

Länge: 99,09 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; deutscher Kinostart: 9. Februar 2017



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Der Film im Katalog der Berlinale
<06.02.2016>


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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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