09.02.2015
Berlinale-Eröffnungsfilm 2015: Kein Anwärter auf eine Auszeichnung

Nobody Wants the Night


"Mein erster Bär, mein erster Bär!", jubelt Josephine (Juliette Binoche) im ersten Satz des Berlinale 2015-Eröffnungsfilms. Hofft Regisseurin Isabel Coixet, das kommt bei der Jury an? Subtilität liegt jedenfalls ihrem theatralischen Wildnisdrama nicht. Miguel Barros' Drehbuch basiert "auf realen Charakteren", aber wie die französische Regisseurin auf der Pressekonferenz erklärt: "This is not a story". Solide Kinounterhaltung ist es trotz der verheißungsvollen Prämisse noch weniger.

Nobody Wants the Night Dass Coixet gleich der Hauptfigur, die in der Eingangsszene einen Eisbären schießt, auf der Berlinale einen Goldenen Bären erlegt, ist unwahrscheinlich. Das Wettrennen um den Pol geht im Handlungsjahr 1908 in die heiße Phase, aber im äußersten Nordcamp, wo die gealterte Gesellschaftsdame Josephine Peary ihres mutigen Mannes Robert harrt, ist es arschkalt. Josephines Problem ist, dass sie mit einer von der Regisseurin jovial geteilten kolonialistischen Arroganz nicht wie eine brave Hausfrau abwartet und Tee trinkt. Abgeschnitten von jeder Versorgung in einem klapperigen Außenstützpunkt, wird sie nochmal vom Tee trinken träumen, aber jetzt macht sie es wie der Esel: Wenn's ihm zu gut geht, geht er aufs Eis. Begleitet vom misanthropischen Bram (Gabriel Byrne) und Inuit Ninq (Orto Ignatiussen) reist sie dem Gatten entgegen. Dass es sich im Packeis nicht so gemütlich wie auf der New Yorker Central Station wartet, dämmert ihr zu spät. Ihre angesichts des heranrückenden Winters hirnrissige Aktion soll als die Unerschrockenheit einer starken Frauenfigur erscheinen. Tatsächlich bestätigen die eindimensionalen Figurenzeichnungen das reaktionäre Frauenbild der Empire-Ära. Wenn Barros schon mal dabei ist, verbrämt er obendrein die vermeintlichen Verdienste des Kolonialzeitalters: egomanischen Territorialismus und pseudo-zivilisierte Bigotterie.

Männer riskieren ihr Leben auf Expeditionen zu Erdpolen, die wie es dräuend heißt "terra incognita" sind, alles für Ruhm und Ehre. Frauen riskieren ihr Leben und dazu das anderer auf Expeditionen zu ihren Ehemännern, alles aus Liebe und Dummheit. "Ich muss dort sein, nah bei ihm, denn er kommt nie zurück!", jammert die verwöhnte Society-Lady. Hat man die Männer nicht ständig im Auge, machen sie mit irgendeiner hübschen Inuit "einen Welpen". So tat es Mr. Peary mit der jungen Allaka (wundervoll: Rinko Kikuchi), die ebenso stur seiner Rückkehr entgegensieht. Stattdessen steht der Winter vor der Tür und platzt schließlich in Form eines Schneesturms herein. Fortan ist Sense mit den kulturellen Errungenschaften, die die unsympathische Heldin in die verschneite Pampa schleppt. Was wäre ein Arktis-Ausflug ohne Porzellan, Grammophon und das gute Tafelsilber! Ohne die würde es im verschneiten Häuschen nie so gemütlich, wie der allwissende Erzähler berichtet: "Dort, in dieser schmutzigen Baracke fühlte sie sich ihm näher als in all der Intimität unter den weichen Leinenlaken ihres Heims in Washington D. C." Nach anfänglichem Zickenkrieg kommen Allaka und Josephine sich beim Bewundern von Designermode näher.

Nobody Wants the Night Dummerweise ist die Jagd nach Nahrung beschwerlicher als die nach Schlussverkauf-Schnäppchen. Trotzdem hat die Hauptfigur in finsterster Polarnacht im Iglu Sorgen wie in einem Beautysalon in der von ihr gern erinnerten Park Avenue: "Meine Fingernägel!" Kreisch! Leider ist sie historisch zu früh dran für eine Gel-Maniküre. Mit solchen Krallen hätte sie sich prima aus dem Schnee schaufeln können, so krabbelt sie durch die Iglo-Decke, während das Baby aus Allakas Bauch krabbelt. Was für eine tiefgründige Metapher, noch dazu mit der Aufnahme der Milchstraße am Himmel! Dorthin richten sich auch die Gedanken des Sprechers, als die Protagonistin errettet von Pearys Assistenten Henson (Clarence Smith als erstem Schwarzen am Pol): "Kann irgendein Dach ihre Leere bedecken?" Auf die geistige Leere der larmoyanten Liebes-Leidensgeschichte bezogen: nein. Egal wie viele Kollegen den gleichen Kalauer benutzen, ich schreibe ihn trotzdem: Nobody wants this film!  

Lida Bach / Wertung: * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Leandro Betancor

 
Filmdaten 
 
Nobody Wants the Night (Nadie Quiere La Noche) 
 
Spanien / Frankreich / Bulgarien 2014
Regie: Isabel Coixet;
Darsteller: Juliette Binoche (Josephine), Rinko Kikuchi (Allaka), Gabriel Byrne (Bram), Orto Ignatiussen (Ninq), Alberto Jo Lee (Odaq), Clarence Smith (Henson - Erzähler), Ben Temple (Frand), Matthew Salinger (Spalding), Reed Brody (Lucius), Ciro Miró (Njal) u.a.;
Drehbuch: Miguel Barros; Produktion: Ariane Garoe; Produzenten: Andrés Santana, Jaume Roures; Kamera: Jean Claude Larrieu; Musik: Lucas Vidal; Schnitt: Elena Ruiz;

Länge: 118 Minuten; deutscher Kinostart: noch nicht bekannt

Ein Film im Wettbewerb der 65. Berlinale 2015 und ihr Eröffnungsfilm



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
 
 
 
 
Der Film im Online-Katalog der Berlinale
<09.02.2015>


Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe